Aus einem Jahr der Nichtereignisse

Ein Film von Ann Carolin Renninger und René Frölke

Willi ist fast 90 Jahre alt und lebt allein auf einem Bauernhof in Norddeutschland. Er spricht gern mit seiner Katze, füttert das Federvieh und geht auf seinen quietschenden Rollator gestützt über das Gelände. Der Garten ist verwildert. Im Haus haben sich vielerlei Gegenstände aus einem langen Leben angesammelt, Relikte vergangener Zeiten. Ab und zu kommt Besuch oder ein Moped fährt vorbei, sonst geschieht nicht viel. Im Wechsel der Jahreszeiten zeichnet der Film ein Porträt vom Alltag des resoluten, ein wenig zerzausten alten Mannes, das zugleich ein visueller Essay über den Zyklus des Lebens ist. Die Kamera macht Beobachtungen in der Natur, filmt Obst und Blüten in voller Pracht. Sie interessiert sich auch für Texturen, das Fell der Katze, das Muster des Kaffeegeschirrs, die Struktur einer Marzipantorte. Hin und wieder fotografiert sie Äpfel oder Gartenstühle aus Plastik wie Stillleben. Die Aufnahmen transzendieren die bloße Abbildung, in ihnen enthalten ist ein Gefühl der Vergänglichkeit, das durch die Fragilität des verwendeten Super-8- und 16-mm-Materials unterstützt wird. Auch die beim Rollenwechsel entstandenen Schwarzbilder machen das Vergehen von Zeit sichtbar. [Birgit Kohler – Berlinale]

Aus einem Jahr der Nichtereignisse, Ein Film von Ann-Carolin Renninger und René Frölke
DE-2017, Super8 und 16mm, 83min, Farbe/SW
Produktion: joon film, gefördert von Künstlerinnenstipendium Film/Video-Berliner Senat, Filmwerkstatt Kiel
Kinostart: 2018
PresseheftFotos-Teil1 (60MB) Fotos-Teil2 (30MB)
Trailer auf Youtube oder Vimeo

BIOGRAPHIEN

Ann Carolin Renninger wurde 1979 in Flensburg geboren. Von 2000 bis 2006 studierte sie Kulturwissenschaften in Leipzig, Strassburg und Paris. Seit 2008 arbeitet sie für die Produktionsfirma Zero One Film, Berlin, im Bereich Entwicklung und Produktion von Dokumentarfilmen. Neben dieser Tätigkeit gründete sie 2010 joon Film, eine Plattform für künstlerische Zusammenarbeiten im Filmbereich. Ann Carolin Renninger lebt in Berlin. Aus einem Jahr der Nichtereignisse ist ihr erster Film.

René Frölke wurde 1978 in der DDR geboren. Neben seiner Arbeit als freiberuflicher Cutter und Kameramann realisiert er seit einigen Jahren eigene Filmprojekte. 2007 nahm er ein Kunststudium in Karlsruhe auf, das er 2012 abbrach. René Frölke lebt in Berlin.

FILMOGRAPHIE

René Frölke:
2007: Jour de grève (14 Min.)
2008: Ropinsalmi (12 Min.)
2010: Führung (37 Min., Forum Expanded 2011)
2010: Von der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange (94 Min.)
2012: Jeremy Y. call Bobby O. oder Morgenthau Without Tears (84 Min.)
2014: Le beau danger (100 Min., Berlinale Forum 2014)
2017: Aus einem Jahr der Nichtereignisse / From a Year of Non-Events.

PRESSESPIEGEL

« Das ist kein klassischer Portraitfilm, der auf eine psychologische oder biografische Schließung hinaus will, sondern eine Art poetische Zustandsbeschreibung, die sich in eine Serie von mal ganz kurzen, mal etwas längeren Miniaturen auflöst und den Protagonisten dadurch in eine flexible Beziehung zu seiner physischen Umwelt setzt. Das Bild wechselt dabei immer wieder von Schwarz-Weiß zu Farbe (und was für eine Farbe! Mir ist noch kein digitaler Film untergekommen, der ein derart umwerfendes, aquarellenes Leuchten und Oszillieren zustande gebracht hätte), von grobkörniger Fastabstraktion zu malerisch-pastoralem Impressionismus, immer wieder bleibt die Leinwand ganz schwarz, auch mal eine halbe oder ganze Minute lang, der Film weiß, dass die Welt, die er zeigt, ebenso geduldig ist wie er selbst… » Perlentaucher

« Eine große Entdeckung, an den fruchtbaren Rändern des dokumentarischen Experiments gedreht. […]
Ein strahlender Film: Leben, nichts anderes tun als zu leben, das ist anscheinend ziemlich gut. Das Kino sagt es besser als Geburtstagskerzen. » Positif

« ...the wonderful tactility of these snippets of life is further heightened by the grain of the film stock used to shoot them, which moves supplely between 8 and 16mm images, flecked with stretches of black leader. The intuitive, deeply sensual editing is anyway a marvel throughout, with many of the soundless passages showing the surrounding countryside approaching true reverie… » Slant Magazine

« A busy Art of the Real weekend kicks off with two of the year’s best: Shengze Zhu’s Another Year and Ann Carolin Renninger and Rene Frolke’s From A Year of Non-Events. (Very different films but a nice double bill, as the rhyming titles suggest.) Both are totally cinematic experiences, catch them on the big screen today! » FilmLinc

« Notes on a miracle called Aus einem Jahr der Nichtereignisse » Shomingekiblog

« Vielleicht ist Scheitern egal » Jungen Welt

« Das relativ Banale, der Preis für die Erdbeeren, liegt nah bei der Frage, wo möchte man begraben sein. » Interview mit Ann Carolin Renninger und René Frölke TAZ

« Ein fast 90-jähriger Mann lebt allein auf einem Bauernhof. Ann Carolin Renninger und René Frölke haben ihm einen betörend schönen Film gewidmet » taz

« Die Lücken zwischen den Bildern »  critic.de

« Doku-Perle » Negative Space

« Highlights der Kritiker » SpiegelOnline

« Die Erdbeeren in China sind eben billiger » Henning Raabe

« In erster Linie ist die Vergangenheit im Film durch ihre Abwesenheit präsent »  Kino-zeit.de

« Erst das, was als Verfremdung erscheint und tatsächlich vielmehr ein Herantasten an Wahrhaftigkeit ist, wird als ein neuer, sanfter und fragiler, aber niemals beruhigender Humanismus erkennbar. Impressionistisch, alltäglich, bizarrerweise erhaben. » critic.de

Aus einem Jahr der Nichtereignisse

DIRECTOR’S NOTE

Uhren, die im Gleichtakt anders gehen

Ein Bauer im Film, aber kein Film über Landwirtschaft. Eher ist Aus einem Jahr der Nichtereignisse die Beschreibung einer sehr pragmatischen Haltung zum Leben, in dem Widerstände dazu da sind, überwunden zu werden. In der Beobachtung eines Jahres im Leben von Willi entsteht ein Bild, das sich den gebliebenen Eindrücken seines Lebens nähert, aber nicht Biografie ist.

Als Kind den Weg an der alten Werft hochzulaufen und oben an der Ecke entscheiden zu müssen, sich Willi zu stellen, den letzten Schritt zu wagen, oder einfach schnell zurückzulaufen. Angst und magische Anziehung, denn hinter der Ecke lauerten Chaos und Anarchie, eine Welt, in der die Grenze zwischen Mensch und Tier nicht klar gezogen werden konnte, und im Zentrum von allem stand Willi. Die Erinnerung an jenes Gefühl, in eine ganz fremdartige Welt zu blicken, war Antrieb, diesen Film zu machen.

Unser anfangs leicht romantisiertes Bild eines Bauern ließ sich nicht lange aufrechterhalten. Die Schwierigkeit, das Schöne einzufangen und gleichzeitig keine Postkartenlandschaft zu erschaffen, war neben der sich bei jedem Film stellenden Frage „Wie sich der Person nähern?“ unsere Reibungsfläche.

Die Wahl fiel auf eine sechzig Jahre alte stumme Kamera. Stumm nur in der Theorie, denn sie kann zwar selbst keinen Ton aufzeichnen, das Geräusch der Mechanik hingegen ist beim Dreh kaum zu überhören. Eine zusätzliche Beschränkung war die maximale Länge einer Einstellung von 24 Sekunden. Danach muss das Laufwerk der Kamera mittels einer Kurbel neu aufgezogen werden, und es entsteht der Zwang, sich in relativ kurzen Abständen, mit jeder weiteren Einstellung, neu im Raum zu positionieren. Ein Handlungsablauf wird so ständig unterbrochen oder zerfällt. Es war der Versuch, von Anfang an Dissonanzen zu erzeugen, Schönheit, wo sie entsteht, gleichzeitig zu bekämpfen. Der separat und digital aufgenommene Ton ist frei zum Bild montiert. Er soll die aufgenommenen Bilder neu beschreiben und die Klischees darin spielerisch sabotieren. So ist der Film vielleicht auch nur unsere ganz eigene subjektive Fiktion.

Wir wissen nicht, wie es bei Willi ist, wenn er alleine ist. Vermutlich ist es ähnlich, wie wir es erlebt haben, als wir bei ihm waren. Das Sitzen in der Stube, Blick aus dem Fenster in den Hof, wenige Worte, lange Pausen, viel Pragmatismus und kleine Variationen des immer Gleichen – Uhren, die im Gleichtakt immer anders gehen. Willi winkt ab.

„Man kommt überall längs“

Immer wieder geht Willis Beobachtung der Gegenwart, des Wetters, der Tiere wie zufällig in eine Erzählung von Vergangenem über, vom Durchschwimmen eines Flusses in Italien; das Detail eines Backtrogs, in dem die eigenen Sachen verstaut wurden, erscheint. Dann gleitet die Erzählung noch tiefer in die Vergangenheit, zu einem früheren Sommer – dem Baden im See, dem Schwimmenlernen. Es entsteht eine wiederkehrende, aus Erinnerungen gewobene Erzählung mit ihren eigenen Kausalitäten; eine innere Logik, deren Erzählen einem Leben Struktur gibt, so, wie die sich ewig wiederholenden Jahreszeiten oder der tägliche Gang quer über den Hof zum Stall, um die übrig gebliebenen Hühner zu füttern, allen Widerständen zum Trotz. Der Gang zum Stall erscheint wie die sichtbare Choreografie, in der ein Mensch und seine Haltung zum Leben spürbar werden. Der Satz „Man kommt überall längs“ ist Willis prägnantes sprachliches Destillat hiervon.

Die Filmische Abbildung dieser sich wiederholenden Wege, der täglichen Abläufe, stellt sich als eine gleichberechtigte Form der Erzählung neben jenen wiederkehrenden mythischen Bericht einer Flussüberquerung. Doch es bleibt ein blinder Fleck, es wird nicht sichtbar, was zuerst war: die Haltung, die den Widerständen trotzt, oder die Geschichte, die davon erzählt. Kultur erscheint so als das, was der Mensch der Natur im Trotz entgegenhält, ohne das Gefühl des unvermeidlichen Zurückgeworfenseins auf eben jene Natur zu verlieren.      Ann Carolin Renninger, René Frölke