Zama

Don Diego de Zama, ein in Südamerika geborener Offizier der Spanischen Krone, sitzt in einem Provinzort an der Küste fest. Sehnlichst erwartet er einen Brief des Königs, der ihm eine Versetzung nach Buenos Aires mitteilen soll, wo er ein neues Leben beginnen möchte. Nichts soll seine gewünschte Versetzung gefährden, was Zama dazu zwingt, jede Anweisung untertänigst zu befolgen, die ihm von den zuständigen Gouverneuren zugetragen wird. Doch während die Gouverneure kommen und gehen, bleibt der ersehnte Brief des Königs aus. Nach Jahren des vergeblichen Wartens beschließt Zama, sich einer Gruppe von Soldaten anzuschließen, die einen gefährlichen Banditen jagen.

Spieltermine

Kinostart: 06.07.2018 u.a. im Kino Wie Noch Nie, Stadtkino Wien, Breitenseer Lichtspiele Wien, Cinematograph Innsbruck, KIZ Royal Kino Graz, Moviemento Linz, Programmkino Wels, Admiral Kino Wien, FilmForum Bregenz, Neues Volkskino  Klagenfurt, FKC Dornbirn, Das Kino Salzburg, Arbeitskreis Amstetten im Cineplexx, Perspektive Kino Amstetten, Breitenseer Lichtspiele Wien, LE STUDIO Film und Bühne, Masterclass mit Lucrecia Martel

 

 

Pressespiegel

„Wunderschön, hypnotisch, mysteriös und elliptisch“  The New York Times
„Formidable“ Der Standard
„Gleichermaßend verblüffend und mitreißend“ Variety
„Genial, verblüffend“ Libération
★★★★★ „Ein eigenartiges, sinnliches Wunder.“ The Guardian
„Ein optisches und akustisches Feuerwerk“ Neue Zürcher Zeitung
„In vielerlei Hinsicht ein Meisterwerk“ Die Furche
„wie Kafka im Dschungel“ DiePresse
„eine der eigenwilligsten Stilistinnen des zeitgenössischen Kinos“ Falter
„Argentiniens scharfsinnigste Filmemacherin“ profil
fm4 „verleiht 7 von 10 subtropischen Fieberträumen“
„unerhört sinnlich, eine Flutwelle an verstörenden und beglückenden Bildern und Assoziationen: ZAMA ist magisches Kino, in dem Wirklichkeit, Fiebertraum, Wunschvorstellung und Albdruck nicht immer klar voneinander unterscheidbar sind. […] einem glorreichen Film am Rande des Wahnsinns.“ Salzburger Nachrichten
„Lucrecia Martel verwandelt ihr bildgewaltiges Historiendrama zugleich in ein optisch wie akustisch so betörendes Tropendelirium, das seinesgleichen sucht, anstatt sich möglichst realitätsnah an der zunehmend kuriosen Handlung abzuarbeiten. […] eine ureigene, finstere Magie, der man sich nur schwer entziehen kann.“ RAY Filmmagazin
„Die Sumpflandpanoramen am Ende sind eine Wucht, so wie überhaupt die ganze Gestaltung von Bild, Off-Raum und Tonspur. Man will hier nicht mehr weg, weil man sie lieben gelernt hat: diese vielfältig sonderbare, wunderbar andere Welt von Lucrecia Martel.“ TagesAnzeiger
„Vielleicht ist es der Film selbst, der sich über den Wahn seines Protagonisten in ein Delirium hineinerzählt, in dem alles zusammenfließt: die Träume der Eroberer, ihre Gewalt, ihre Sexualität, ihre Scham, ihre Fremdheit.“ Die Zeit
„Das Rumoren der Welt“ FilmDienst
“Martel is back, after a nine-year absence, with the astonishing Zama”  The Guardian
“This isn’t just a movie but a full-on miasma, a humid, atmospheric vision of a complex world conjured from the inside.” The Los Angeles Times
„Monumental und unaufhaltsam“ El Mundo
„Die furiose Euphorie von Lucrecia Martels ZamaThe New York Review of Books
“Few films convey such amplitude so sparely; it’s a two-hour film that feels like it’s twice that length, not in sitting-time but in narrative scope and dramatic detail.” The New Yorker
“El hermoso regreso de Lucrecia Martel fascina en Venecia Zama dejó boquiabierto al público del festival por su inteligencia y hermosura” El País
“Nos rendimos a los pies de Zama, un clásico instantáneo que se coloca entre lo mejor del cine de los últimos años. Una película que hace pensar en Claire Denis, Werner Herzog o Hou Hsiao-hsien, pero que es única. Obra maestra.” Fotogramas
“Extraordinaria (…) una auténtica obra maestra que ratifica a Martel como una de las grandes autoras del cine contemporáneoOtros Cines
In the realm of the senses – James Quandt | Artforum

Biografie

Lucrecia Martel wurde in Argentinien in der Provinz Salta geboren und gilt durch ihr einzigartiges Werk als feste Größe in der internationalen Filmcommunity. ZAMA (2017) ist ihr vierter Spielfilm, zuvor führte sie Regie und schrieb das Drehbuch für LA MUJER SIN CABEZA (2008, Die Frau ohne Kopf), LA NIÑA SANTA (2004, Das heilige Mädchen) and LA CIÉNAGA (2001, Der Morast). Diese Filme sind in Martels Heimatprovinz angesiedelt und zählen als SALTA-TRILOGIE für die internationale Filmkritik zu den Höhepunkten des lateinamerikanischen Kinos nach der Jahrtausendwende. Martels Filme wurden weltweit auf den wichtigsten Filmfestivals gezeigt, darunter Cannes, Berlin, Venedig, Toronto, New York, Sundance, Rotterdam. Retrospektiven ihres Werkes wurden bei zahlreichen Filmfestivals und in angesehenen Kulturinstitutionen wie dem Tate Museum London oder den Universitäten in Harvard und Berkeley gezeigt. Sie war Mitglied zahlreicher offizieller Festivaljurys, u. a. in Berlin, Cannes, Venedig, Sundance und Rotterdam.

Festivals & Preise

Sarasota Film Festival 2018

Women’s Film Festival FEMCINE 2018

Cartagena International Film Festival 2018

Dublin International Film Festival 2018

Portland International Film Festival 2018

Göteborg Film Festival 2018

International Film Festival Rotterdam 2018 – Winner KNF Award

Palm Springs International Film Festival 2018

Havana Film Festival 2017Winner FIPRESCI Award, Winner Best Direction, Winner Best Art Direction

Morelia Film Festival 2017

Latin Beat Film Festival Tokyo 2017

Sevilla European Film Festival 2017 – Special Mention

São Paulo International Film Festival 2017

Busan International Film Festival 2017

BFI London Film Festival 2017

Valdivia International Film Festival 2017

The New York Film Festival 2017

Toronto International Film Festival 2017

Venice Film Festival 2017

Material

Filmplakat

Fotos (41MB)
Trailer youtube, vimeo

Interviews

„Leute, die ständig Filme drehen, sollte man strafen“ Der Standard
New York Film Festival (Video)
“Being a woman I see as a great advantage”: Lucrecia Martel on Zama, Quentin Tarantino and Avoiding Gender Violence in Films Huffington Post
“The Shepard tone is an auditory illusion that seems like a constant falling pitch. One that never ends. Falling, falling, falling, falling, falling, falling, falling. So, it’s an ideal sound for Zama. It seemed like Zama’s sound to me. This sensation that there is no bottom.” – Film Comment
“Zama is a man trapped in who he thinks he is – a condition that we pursue with eagerness in our culture: Know who we are.” The New York Times
The Man With No Hands: Lucrecia Martel and Zama – Mubi Notebook
“All that heroic past and brave macho stuff makes me ill” – Sight & Sound
 

Regie Notizen

Ich möchte die Vergangenheit mit der gleichen Respektlosigkeit erkunden, mit der wir sonst über die Zukunft nachdenken. Ich möchte versuchen, nicht die einschlägigen Artefakte und Tatsachen zu dokumentieren – ZAMA hegt so gesehen keinerlei geschichtswissenschaftliche Ansprüche – stattdessen möchte ich in eine Welt eintauchen, die auch heute noch unüberschaubar wirkt, mit Tieren, Pflanzen und uns heute unverständlich erscheinenden Frauen und Männern. Eine Welt, die bereits erschüttert war, bevor sie überhaupt gefunden wurde und die deswegen im Delirium verharrt.

Die Vergangenheit ist auf unserem Kontinent etwas Unscharfes und Konfuses. Wir haben sie so erschaffen, deshalb denken wir nicht nach über die Besitznahme von Land, über das Raubgut, auf dem der lateinamerikanische Abgrund fußt – Dinge, mit denen die Herkunft unserer Identität verknüpft ist. Sobald wir anfangen, in die Vergangenheit zu blicken, sind wir beschämt.

ZAMA taucht tief ein in die Zeit der sterblichen Menschen, in diese kurze Existenz, die uns gewährt wird, durch die wir gleiten und uns davor ängstigen zu lieben. Dabei zertrampeln wir genau das, was geliebt werden könnte, und vertagen die wahre Bedeutung des Lebens, als wäre der wichtigste Tag nicht heute, sondern ein Tag, der noch kommt. Und doch wird die gleiche Welt, die dazu bestimmt erscheint, uns zu zerstören, unsere Rettung. Wenn wir gefragt werden, ob wir länger leben wollen, sagen wir immer: ja!

Vor der Kamera

DANIEL GIMÉNEZ CACHO
(in der Rolle des Don Diego del Zama)

Daniel Giménez Cacho ist ein in Spanien geborener, mit dem Ariel Award ausgezeichneter mexikanischer Schauspieler, der in vielen Filmen der wichtigsten spanischsprachigen Filmregisseure mitwirkte. Dazu zählen Regisseure wie Guillermo Del Toro, Alfonso Cuarón, Jorge Fons und Pedro Almodóvar mit Filmen wie LA MALA EDUCACIÓN (2004) or Y TU MAMÁ TAMBIÉN (2001). THE SUMMIT (Santiago Mitre, 2017) ist seine jüngste Beteiligung an einem argentinischen Film, der in Cannes 2017 Premiere feierte. Giménez Cacho wirkte auch in LA HORA MARCADA mit, einer TV-Produktion unter der Regie von Alfonso Cuarón and Guillermo Del Toro.

LOLA DUEÑAS
(in der Rolle der LUCIANA PIÑARES DE LUENGA)

Lola Dueñas ist eine spansiche Schauspielerin, die früh durch ihre Mitwirkung in TV-Serien bekannt wurde (POLICÍAS, EN EL CORAZÓN DE LA CALLE). Bald wechselte sie zum Kino und wurde zu einer festen Größe im SchauspielerInnenensemble von Pedro Almodóvar. Sie spielte in HABLE CON ELLA (2002), VOLVER (2005), YO, TAMBIÉN (2009), LOS ABRAZOS ROTOS (2009) und LOS AMANTES PASAJEROS (2013). Für ihre schauspielerischen Leistungen erhielt sie mehrere Goya Awards und gehört zu den prägnantesten und international angesehensten Schauspielerinnen spanischer Sprache.

MATHEUS NACHTERGAELE
(in der Rolle des VICUÑA PORTO)

Matheus Nachtergaele ist ein renommierter und mit vielen Preisen ausgezeichneter brasilianischer Schauspieler. Seit Jahrzehnten arbeitet er in den Bereichen Kino, Theater und Fernsehen, er wirkte in zahlreichen international beachteten Filmproduktionen mit, u. a. FOUR DAYS IN SEPTEMBER (Bruno Barreto, 1997 – Oscar-Nominierung als Best Foreign Language Film 1998), CITY OF GOD (Fernando Meirelles, 2002 – vier Oscar-Nominierungen 2004, u. a. Best Director), CENTRAL STATION (Walter Salles, 1998 – zwei Oscar-Nominierungen 1999, u. a. Best Foreign Language Film) sowie in drei Spielfilmproduktionen von Regisseur Cláudio Assis – MANGO YELLOW (2002), BOG OF BEASTS (2006) und RAT FEVER (2011).

JUAN MINUJÍN
(in der Rolle des VENTURA PRIETO)

Juan Minujín wurde in Argentinien geboren und kann auf eine lange Karriere als Theaterschauspieler zurückblicken. Er wirkte in zahlreichen Theaterproduktionen in Buenos Aires mit, sein Portfolio wird durch die gelegentliche Mitarbeit in TV- Produktionen ergänzt, wie etwa in der HBO-Produktion EL MARGINAL. Seine erste Kinorolle nahm er in UN AÑO SIN AMOR (Anahi Berneri, 2007) an. Seitdem wirkte er ohne Unterbrechung in über 20 Independent-Produktionen mit, u. a. in EL ABRAZO PARTIDO (Daniel Burman, 2004), 2+2 (Diego Kaplan, 2012) und CORDERO DE DIOS (Lucía Cedrón, 2008). Für diese und weitere Filme erhielt er zahlreiche Preise und Nominierungen.

Text von Cristina Nord

Zu Zama von Lucrecia Martel

Ein Text von Cristina Nord

Sehnt man sich nach Schnee, obwohl man nie welchen gesehen oder berührt hat, obwohl die größte Kälte, die man je erlebt hat, die ist, die tropischer Sturzregen mit sich bringt? In einer Szene von Zama, Lucrecia Martels neuem Spielfilm, preist die Hauptfigur, Don Diego de Zama (Daniel Giménez Cacho), die Schönheit des Schnees, den Reiz einer weißen, unberührten Oberfläche, und er schwelgt in einer Fantasie von eleganten russischen Damen in Pelzen. Seine Erzählung ist so anschaulich, dass man den Atemhauch vor den Gesichtern der Damen zu sehen und den Flausch ihrer Pelze zu fühlen glaubt. Doch Don Diego de Zama hat Europa oder Russland nie betreten, er ist ein criollo, ein in der südamerikanischen Kolonie geborener Beamter der spanischen Krone, und während er vom Schnee erzählt, rinnt ihm der Schweiß übers Gesicht.

Für Martel ist Zama das erste period piece ihrer Karriere. Die argentinische Regisseurin wurde 2001 mit La ciénaga international bekannt. La niña santa und La mujer sin cabeza folgten; seit La mujer sin cabeza sind fast zehn Jahre verstrichen. Eine Zeit, in der sich Martel mit dem Vorhaben trug, Héctor Germán Oesterhelds Science-Fiction-Comic Eternauta fürs Kino zu adaptieren. Sie ließ den Plan fallen. Als sie auf Antonio Di Benedettos Roman Zama (1956) stieß, fasste sie den Entschluss, ihn in einen Film zu verwandeln. Neuland bedeutet dies nicht nur wegen des für ihr Oeuvre ungewohnten historischen Settings, das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, sondern auch, weil bisher Salta, die Region in Nordargentinien, in der die Regisseurin aufwuchs, Schauplatz ihrer Filme war. Zama dagegen ist in einem Gebiet angesiedelt, das heute zu Paraguay gehören würde: ein Außenposten der spanischen Kolonie, an einem Fluss gelegen, es gibt Dünen, schroffe Sandsteinformationen, Erdpyramiden. Nachdem die ersten zwei Drittel des Films verstrichen sind, bewegt sich Zama von dem Außenposten und dessen unmittelbarer Umgebung fort und erkundet - teils in spektakulären Totalen - ein sumpfiges, von Palmen bestandenes Gebiet. Als Augenzwinkern lässt sich lesen, dass Don Diego de Zama, der seine Versetzung mit aller Macht und ohne jeden Erfolg herbeiwünscht, nicht nach Buenos Aires möchte, sondern nach Lerma, eine Stadt in der Provinz Salta.

Sich mit den geographischen und topographischen Details von Zama zu befassen, liegt insofern nahe, als das Regionale für Martel einen besonderen Reiz besitzt, wie sie in einem Interview mit José Teodoro im Film Comment unterstreicht: „Ich glaube, das ist eine Welt, von der bisher noch kaum erzählt wurde. Indem ein Film sich für das Regionale interessiert, gewinnt er eine Besonderheit – auf der visuellen Ebene wie auf der der Geräusche. Mir scheint, dass im Kino ein Begriff von Universalität nicht existiert.“ Es geht in Zama – und zwar auf allen Ebenen – um Dezentralisierung. Die Hauptfigur des Films sitzt an dem Außenposten fest, und je mehr sie in die Wege leitet, um fortzukommen, umso aussichtsloser ist dieser Wunsch. Martel, in Salta großgeworden, verfilmt einen Roman von einem Schriftsteller, der in Mendoza lebte. Beides ist weit weg von der Metropole Buenos Aires. Buenos Aires wiederum ist weit weg von Europa. Trotz dieser Entfernung richteten sich zu Kolonialzeiten und auch danach die Projektionen, das Begehren, die Einbildungskraft auf Europa, die criollos blickten sehnsüchtig über den Atlantik nach Madrid oder Paris und träumten von Schnee, statt sich auf die Subtropen einzustellen.

Viele lateinamerikanische Romane und Essays kreisen um diese tief sitzende Wider- sprüchlichkeit. Einer der Schlüsseltexte der argentinischen Nationalliteratur, Facundo (1845) von Domingo Faustino Sarmiento, feierte den Sieg der Zivilisation, der europäischen Ideen, über das als barbarisch wahrgenommene Hinterland. Bei Sarmiento war die Dichotomie von Zivilisation und Barbarei intakt, es war klar, wer auf welcher Seite stand, und man kann den Roman als ein südamerikanisches Pendant zum nordamerikanischen frontier-Mythos verstehen. Ein Jahrhundert später, bei Di Benedetto wie auch bei anderen Autoren, hat sich die Perspektive verschoben. Der Kubaner Alejo Carpentier zum Beispiel schrieb mit El reino de este mundo (1949) und Los pasos perdidos (1953) fast zur selben Zeit wie Di Bendetto Romane, die die spezifische latein-amerikanische Wirklichkeit mit ihren indigenen, afrikanischen und europäischen Anteilen anerkennen wollten, statt sich kulturellen oder intellektuellen Moden und Modellen aus Europa zu verschreiben. Dies ist ohnehin zum Scheitern verurteilt, wobei sich die Vergeblichkeit des Unterfangens umgekehrt proportional zur Menge und zur bis heute anhaltenden Hartnäckigkeit der Versuche verhält. Schlimmer noch: Die, die im Namen der Zivilisation agierten, taten dies mit einer Gewalttätigkeit, die sie zu Barbaren machte, was sie wiederum auf die Indígenas und die Schwarzen rückprojizierten.

Das Faszinierende an Martels Film ist nun, dass die Regisseurin all diese Schlüsselfragen der lateinamerikanischen conditio in die Mikrostruktur, in die Bilder und die Geräusche ihres Filmes hineinverlagert. Gemeinsam mit Rui Poças, dem Kameramann, und Guido Berenblum, dem Tondesigner, legt sie eine große Sensibilität an den Tag. Berenblum arbeitet virtuos mit akusmatischen Geräusche, wodurch er Gesehenes und Gehörtes in eine unvertraute, irritierende Beziehung setzt. Zahlreiche Vögel und Insekten singen, trillern, zirpen hors champs, Dialoge oder innere Monologe gleiten wie Echos von irgendwoher durch die Szenen. Poças wiederum komponiert so, dass die Bilder ihr Zentrum verlieren. Oft kann man nicht gut erkennen, was im Hintergrund geschieht, weil es im Unscharfen oder im Halbdunkel liegt. Zugleich aber merkt man, dass dieses Geschehen wichtiger sein könnte als das, was im Vordergrund zu sehen ist. Viele Szenen spielen in dunklen, verschachtelt wirkenden Innenräumen, die sich, statt dem Blick Halt zu geben, nach hinten oder zur Seite – durch Türen oder Fenster - auffalten; in anderen Szenen sind die Bilder so angeordnet, dass viele Elemente in sie hineindrängen, auch dies etwas, was den Überblick schwierig macht. Möbel stehen im Hof vor der Tür, ein prächtiges Bett vor einer Holzhütte; Tiere besetzen Bilder und Räume, ein Lama, ein Pferd, ein Hund, eine Herde Ziegen. Oder Menschen, die normalerweise diskret hors champs ihren Arbeiten nachgehen: die Diener oder Sklaven. In Zama beanspruchen sie Fläche im Bild und lenken vom Zentrum des Geschehens ab. Aber was ist das Zentrum? Das Geplänkel zwischen Doña Luciana (Lola Dueñas) und Don Diego de Zama – oder nicht doch die angedeutete, nicht auserzählte Lebensgeschichte der Sklavin Malemba?

Die Gewalttätigkeit derer, die die spanische Krone vertreten, setzt Martel nicht direkt ins Bild; wie sehr sie den Alltag prägen, wird trotzdem spürbar, wenn abgeschnittene Ohren um den Hals eines Gouverneurs baumeln oder die Rede von Malembas versengten Fußsohlen ist. Dann wieder gibt es Momente in Zama, in denen das koloniale Unterfangen beinahe wie eine Groteske erscheint: wie ein langsamer, trauriger Slapstick in zu warmen Kleidern und unter stinkenden, schmutzigen Perücken.