Sie ist der andere Blick

von Christiana Perschon

Kinostart: 03.05.2019

Viennale Vorführungen in Anwesenheit von Christiana Perschon und Protagonistinnen
06.11.2018 20:30 Uhr Metro, Eric Pleskow Saal
07.11.2018 18:30 Uhr Metro, Historischer Saal

Es hängt alles von der Resonanz ab.
Wenn wir keine Resonanz kriegen, bekommen wir keine Möglichkeiten.
Dann existieren wir nicht.
Du siehst nur das was du im Bewusstsein hast, weißt du.
Es geht darum im Moment zu sein.
Noch Tee für dich?

Sehen kann durch den Blick der Anderen zu einer Begegnung werden. Mit einer 16mm-Bolex-Kamera, einem Pinsel und Leinwänden entstehen Projektionsflächen, die zu Beginn des Films für das sensibilisieren, was zwischen Künstlerinnen und Bildträger stattfindet. Der Film geht von dem Moment aus, in dem Beobachtung, Erfahrung und Vorstellungskraft auf einen Bildträger treffen: Sei es eine grundierte Leinwand oder die lichtempfindliche Emulsion von analogem Film.

SIE IST DER ANDERE BLICK ist eine Kollaboration mit Künstlerinnen einer vorwiegend älteren Generation, die in den 1970er-Jahren Teil der Wiener Kunstszene sind und sich in der Frauenbewegung engagieren. Treffpunkt für den Dialog mit den Künstlerinnen – Renate Bertlmann, Linda Christanell, Lore Heuermann, Karin Mack, Margot Pilz und Iris Dostal – ist das Atelier der Filmemacherin: ein Dazwischen-Sehen, bei dem Gedanken über Selbstbestimmtheit und Selbstverständnis im Werdegang der Künstlerinnen geteilt und ihre künstlerischen Arbeiten durch den Kamerablick in Bewegung versetzt werden. Die Protagonistinnen, die in ihrer Vorreiterinnenrolle die zeitgenössische Kunst und das Selbstverständnis von Künstlerinnen in der Gegenwart prägen, erzählen über künstlerische Ambitionen, wirtschaftliche Zwänge, Angepasstheit und Widerständigkeit gegen die vorherrschenden patriarchalen Gesellschaftsstrukturen. Mit ihren Stimmen und (frühen) Werken werden die Künstlerinnen selbst zu Bildträgerinnen einer feministisch-künstlerischen Haltung.

SIE IST DER ANDERE BLICK
DCP und BluRayDisc OF oder OmeU, Dolby 5.1,, 16:9, 90 Min, AT-2018
Drehformat: Digital, 16mm, Super8 Film
Konzept, Regie, Kamera, Schnitt, Ton: Christiana Perschon
Kollaboration mit Renate Bertlmann, Linda Christanell, Lore Heuermann, Karin Mack, Margot Pilz
und Iris Dostal. Gefördert von BKA Innovative Film Austria, Wien Kultur, Land Niederösterreich Kultur, Theodor Körner Preis 2018

Bilder (58 Mb)

PRESSESPIEGEL
Ein wunderbarer, ermutigender, poetischer Film Artemisia
Selbstermächtigung zum Selbstporträt Falter

PRODUKTIONSNOTIZ

Es ist immer Gegenwart. Jede Begegnung mit einem Bild, jede Interaktion mit einem Menschen ist eine Augenblickserfahrung und sucht nach einer eigenen Form. Sie ist der andere Blick entwickelt sich aus den Begegnungen mit den Künstlerinnen einer älteren Generation und ihren in den 1970er-Jahren entstandenen Werken: ein Aufeinandertreffen verschiedener Medien, Bildsprachen und Blickwinkel. In meiner Kamera- und Montagearbeit geht es immer um Dialog, das Dazwischen und die Rolle der Kamera als Akteurin im Moment der Aufnahme. Wie sehe ich mehr als ich weiß? Die Idee der Aneignung in Form des Dialogs: sich etwas zu eigen machen, durchzieht meinen gesamten Arbeitsprozess. Der Austausch über Werke, Material, Blicke und Gesten basiert auf Empathie und ist eine feministische Strategie, um den Zeitgeist der Frauenbewegung und die Energie des Widerstands aus der Sicht der Künstlerinnen zu begreifen. Die Kamera dient als Blickwerkzeug und erzeugt eine Art Zwischen-Sicht auf die Künstlerinnen und ihr Schaffen, um das eigene Sehen und Denken in Bewegung zu setzen. Vergangenheit aktualisiert sich in der Gegenwart und Blicke werden entlang der Bildoberfläche zu Berührungspunkten. Die Kamera erzeugt damit nicht nur eine Blickrichtung, sondern ermöglicht ein gegenseitiges Wahrnehmen, ein Sehen und Gesehenwerden. Der Film schafft ein performatives Archiv durch die Interaktion mit den Künstlerinnen – als Treffpunkt für Neuschreibungen, Umverteilung von Aufmerksamkeit und für Begegnungen im Blick der Anderen.

Das Dialogische des Films manifestiert sich auf der Tonspur durch Gespräche mit den Künstlerinnen. Was eine Frau ausmacht, und somit auch eine Künstlerin, ist sozial, gesellschaftlich und diskursiv konstruiert. Die Gespräche geben Einblick in den Zeitgeist der Nachkriegszeit, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die Platzverweise als Hausfrau, Ehefrau und Mutter, das Studieren ohne weibliche Vorbilder, die Aufbruchstimmung und (mediale) Selbstbefreiung in den 1970er-Jahren, den Ausbruch aus einer kunsthistorisch tradierten Festschreibung von Weiblichkeit. Die Montage schafft Verbindungen und Echos zwischen den Protagonistinnen und ihren Werken durch ineinandergreifende künstlerische, persönliche und gesellschaftspolitische Sichtweisen. Zusammenhänge von Kunstpraxis, politischem Aktivismus und Privatleben zeigen sich entlang der mehrstimmigen Tonspur zu Beginn des Films und in den darauf folgenden fünf Szenenbildern. Frühe Werke – eine Fotoserie, Installation, Performance, Zeichnungen, objets trouvés – werden transformiert. Was gibt ein Objekt frei? Was kann meine Kamera- und Montagearbeit transformieren? Wie versetze ich die Kunstwerke in Bewegung? Das Nachleben der Werke berührt den Bereich der Übersetzung und Übertragung. Im Moment der filmischen Aneignung ändern die Kunstwerke als Dokumente der Zeit ihre Gestalt – durch Lichtverhältnisse, Kameraperspektive, Rekonstruktion, Animation – und thematisieren die Bedingungen des Sichtbaren und des Sichtbarmachens. Bildmaterial und Bildträger werden durch künstlerische Strategien der Aneignung filmisch re-/animiert und de-/konstruiert: ein Eintauchen in die Materialität und individuelle Beschaffenheit, ein Manipulieren ihrer Wahrnehmbarkeit. Dabei werden Arbeitstechniken der feministischen Kunstproduktion der 1970er-Jahre wie serielle S/W-Fotografie, Selbstauslöser, Dunkelkammer, Super8-Film und kinematografische Objekte wie die Leinwand und Blackbox zu tragenden Motiven der Filmsprache.

.BIOGRAPHIE

Christiana Perschon lebt und arbeitet als Filmemacherin in Wien. Diplom an der Akademie der bildenden Künste Wien (Kunst und digitale Medien / Film). Sie arbeitete als Redakteurin beim ORF, Mitarbeiterin der Österreichische Mediathek, am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft und als Kuratorin im Österreichischen Filmmuseum (Barbara Hammer Retrospektive 2018). Sie ist Mitglied der Golden Pixel Cooperative und filmkoop wien.  Ihre Filme sind mehrfach ausgezeichnet und auf internationalen Filmfestivals und Ausstellungen zu sehen: Kurzfilmtage Oberhausen, Visions du Réel, Edinburgh International Film Festival, Cork Film Festival, Jihlava International Documentary Film Festival, Viennale, Mumok Kino Wien, Blickle Kino Belvedere 21. 2014 wurde ihr Kurzfilm Noema beim Vienna Shorts Festival dreifach preisgekrönt: Bester Österreichischer Kurzfilm, Preis der Jugend Jury und Publikumspreis. 2018 erhielt sie u.a. den Theodor-Körner-Preis.  Sie ist der andere Blick (2018), das bin nicht ich, das ist ein bild von mir (2018), Double 8 (2016), Ghost Copy (2016), Noema (2014), you’re within i’m without (2012), im blau (2001/2010) .
christiana.perschon.at