The Wild Boys

(Les garçons sauvages)
von Bertrand Mandico

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts begehen fünf Jungs aus gutem Hause, die dem Okkulten huldigen, ein scheußliches Verbrechen. Daraufhin werden sie einem alten Kapitän anvertraut, der ihnen auf seinem Kahn mit harter Hand wieder Zucht und Ordnung beibringen soll. Von der Schikane zermürbt und mit den Kräften am Ende proben sie den Aufstand – und stranden auf einer Insel voller bizarrer Gewächse, von der eine mysteriöse Kraft ausgeht. Nach einiger Zeit beginnt ihr Zauber, sie zu verändern…

JETZT IM KINO
KIZ Royal Graz am 23.7 um 21 Uhr, 24.7 um 21 Uhr, 25.7 um 21 Uhr, 27.7 um 14:40 Uhr, 28.7 um 21:20 Uhr
Schickaneder Wien am 26.07 um 20:45 Uhr, 27.07.2019 um 23 Uhr, 28.07 um 22 Uhr, 31.07 um 21:30 Uhr, 2.08 um 23 Uhr, 4.08 um 22 Uhr und 8.08 um 19 Uhr

Kinostart Österreich: 05.07.2019 u.a. im KinoWieNochNie, Metro Kinokulturhaus, Stadtkino Wien, Moviemento Linz, Filmstudio Villach,

 

VORFILM: Gibt es noch eine Jungfrau am Leben?
Y a-t-il encore une vierge encore vivante ? – Bertrand Mandico, FR-2015, 9Min

 

Original Soundtrack von Pierre Desprats: Youtube Channel

PRESSESTIMMEN

„Ein schmutzig-süßer erotischer Traum.“ Filmcomment

„Ein Kinoerlebnis, das einem noch lange im Gedächtnis bleibt!“ Kurier

„Gefilmt in flirrendem Schwarzweiß mit surrealen Farbspritzern. Als hätten Guy Maddin und Kenneth Anger einen von Joseph Conrads Alpträumen für einen Sexploitation-Produzenten verfilmt.“ The New York Times

„Ungehemmt und zutiefst bizarr. Mandico hat einen unbändig seltsamen Debütfilm abgeliefert.“ The Guardian

«  »Am schönsten ist der Film, wenn er die Sprache hinter lässt und  sich wie im Musikvideo ganz seinen psychedelischen, sexuell aufgeladenen  Bildwelten hingibt. » Michael Kienzl, Deutschlandfunk Kultur

„Eine fröhlich grenzüberschreitende Erfahrung. Phantasmagorie steht an erster Stelle und wird frech zur Schau gestellt, für alle, die sehen wollen.“ TheFilmStage.com

„THE WILD BOYS ist ein maximalistisches Werk von Taschenbucherotik, das sich jeglicher Kategorisierung fast vollständig entzieht; ein Film, der Filmgeschichte mit progressiven Ideen zu einem genre- und genderüberschreitenden, berauschend expressionistischen Werk vereint. Als bemerkenswertes Beispiel politischen Kinos, das zu Kunst wird, hat THE WILD BOYS in seinen 110 Minuten mehr Einfälle als die meisten Filmemacher in ihrem filmischen Gesamtwerk.“ Cine-Vue.com

„Pascale Granels kontrastreiche Super16mm Aufnahmen, deren Weiß auf dunkelstem Schwarz funkelt, sind ein opulenter Augenschmaus. Stilistisch und inhaltlich fühlt sich THE WILD BOYS an wie ein Guy-Maddin-Film gepaart mit dem frühen Todd Haynes, mit ungeniert erotischem Einschlag.“ L.A. Times

„All die psychedlischen, rotäugigen Todeshunde und farbenfrohen Diamantschädel lassen die Zuschauer von Mandicos Film verzaubert und heiter beschwingt zurück.“ Electric Sheep Magazine

„Selbst wenn man den Film schon kennt – das bizarre Seherlebnis von THE WILD BOYS und seine unbändig fantasievolle Interpretation von Gender und Sexualität treffen einen völlig unvorbereitet.“ Australian Arts Review

„Seemänner, Samen und Semi-Männer. Eine französisches Coming-of-age-Märchen, das vor Fantasie und Flüssigkeiten nur so strotzt. Ein völlig berauschendes Wunder von einem Film: ein schräges, erotisches Fantasy-Abenteuer übers Erwachsenwerden, das in dunkle, feuchte Regionen der menschlichen Psyche hinabsteigt. Der hat mich sowas von umgehauen!“ Bitrth.Movies.Death

„Wie eine Gemme aus dem unendlichen All, zur Erde geschossen von einer schöneren, besseren Welt, funkelt Bertrand Mandicos elementar gefährliche Fantasie vor einem: Anfang des 20. Jahrhunderts werden die Titel gebenden wilden Jungs zwecks Domestikation ihrer adoleszenten Gefühle auf eine Galeere geladen und auf eine geheimnisvolle Insel mit üppiger (und übernatürlicher) Vegetation gebracht. Spuren von Jean Genet, Kenneth Anger und Guy Maddin tanzen durch diesen profund unwirklichen, irre flirrenden Film, in dem alles, auch die Geschlechter, im unentwegten Fluss sind. Das ganze Leben eine einzige Ekstase, das ganze Sein eine Transformation.“ Markus Keuschnigg SLASH 1/2 Festival des fantastischen Films

Interview mit Elina Löwensohn FM4

THE WILD BOYS (Les garçons sauvages) FR-2017, 110 Min., Super 16mm, Schwarzweiß/Farbe,  1,66:1, DCP OmdU
Regie und Drehbuch: Bertrand Mandico | Mit Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel, Anaël Snoek, Mathilde Warnier, Sam Louwyck, Elina Löwensohn und Nathalie Richard | Kamera: Pascale Granel | Kameraassistenz: Nicolas Eveilleau | Beleuchtung: Sylvain Verdet | Schnitt: Laure Saint-Marc | Ton: Simon Apostolou, Daniel Gries | Szenenbild: Astrid Tonnelier | Kostüme: Sarah Topalian | Regieassistenz: Camille Servignat | Casting: Kris de Bellair | Technische Leitung: Emma Lebot | Farbbestimmung: Yannig Willmann, Marie Gascoin | Musik: Pierre Desprats, Hekla Magnúsdóttir | Ausführende Produzentin & Produktionsleitung: Mathilde Delaunay | Produzent: Emmanuel Chaumet | Eine Ecce Films Produktion

MATERIAL
Trailer Youtube & Vimeo, DCP Trailer (1,1 Go)
Presseheft, Fotos (54Mb), Plakat

FESTIVALS & PREISE
Crossing Europe, Slash Film Festival 1/2
Mario Serandreis Preis – Internationale Filmfestspiele von Venedig
Großer Preis der Jury – Festival du film indépendant de Bordeaux (FIFIB)
Spezial Preis « Nuevas Olas » – Sevilla International Film Festival
Beste Regie – Vilnius International Film Festival
Jugendpreis – Festival de Gardanne
Bester Film Preis “Rebels with a cause” – Tällin Black Nights Film Festival
Prix Gérard Frot Coutaz – Festival Entrevues de Belfort
Jugendjury Preis und Spezial Jury Preis – FEC Tarragona
Bester Nebendarsteller (Sam Louwyck) – CinEuphoria Awards
Bester Film ohne Kinostart – International Cinephile Society Awards
Bestes Szenenbild (Astrid Tonnelier) – International Cinephile Society Awards

JETZT REGNET ES DIAMANTEN

Es ist ein Abenteuer. Es ist eine Erleuchtung. Die Filme von Bertrand Mandico sind ein üppiger Tropenwald voll schillernder Farben und Blüten, voll Schatten und Wehmut, voll Gleichmut und erotischer Faulheit. Es gibt auch Galerien von Edelsteinen und Voodoo-Totems, die aussehen, als hätte man sie direkt aus unserem Skelett geschnitten, in einer Szenerie von unerbittlichem Schwarz und unglaublicher Detailverliebtheit. Und die Worte fallen wie Orakelsprüche, zwischen sprühendem Witz und einem Todesurteil. Bisher hatte Bertrand Mandico den Kurzfilm zum Labor seiner größten Experimente gemacht: jeder Film hatte die Erhabenheit eines Blitzes, der den Sturm am viel zu ruhigen Himmel des gegenwärtigen Kinos ankündigt. Jetzt regnet es Diamanten.

The Wild Boys könnte ein Roman sein – angesiedelt irgendwo zwischen Jules Vernes und R. L. Stevenson – den ein Kind für sich allein an einem schulfreien Tag liest. Allerdings ist dieses Kind schon eingeschlafen, der Roman wird lebendig und die Figuren erwachen zum Leben: er verwandelt sich in einen Film, der unablässig überschäumt vor Symbolen, durchgedrehten Archetypen und irren Anspielungen. Dieser Wahnsinn hat jedoch Methode. Den ganzen Film lang verkünden die Geister Shakespeares, der Nacht des Jägers und Rimbauds das künstlerische, amouröse und politische Programm der nächsten Jahre. Bei Bertrand Mandico ist alles Metamorphose. Was er uns zeigt, verändert und verwandelt uns. Was er uns vor Augen führt, reißt uns aus unserem trüben Alltag und versetzt uns in einen visionären Zustand, aus dem alle Pracht geboren wird. Das ist auch der Grund, warum der Film so politisch (die Neuerfindung einer positiven Verbindung zwischen Krieg und Freibeuterei) und so sexuell sein (bedingungslose Emotionen bei der Entdeckung neuer Beziehungen, Erotisierung von allem), ohne je auf eine eindeutige Aussage, die seine starke Poesie einschränkt, reduziert werden zu können.

Kunstempfinden ist Liebe auf den ersten Blick. Ein Film überzeugt oder enttäuscht bereits mit seinen ersten Bildern. Bereits in seinen ersten Bildern ist The Wild Boys ein Meisterwerk: ein Quell von Wein, Milch und Honig, der aus der verdorrten Erde hervorsprudelt.

Pacôme Thiellement

Les garçons sauvages

BIOGRAPHIE
Bertrand Mandico wurde 1971 geboren und studierte an der CFT Gobelins in Paris, wo er 1993 sein Diplom in Animationsfilm erhielt. Er hat dennoch nur einen einzigen Animationsfilm realisiert, Le Cavalier Bleu, der ein heidnisches Ritual in einer surrealistischen Montage in Szene setzt. Seine visuellen Experimente führte Bertrand in den Miniatur-Kurzfilmen für Arte fort.

Durch das Erschaffen von Zwischenwelten arbeitet er sich an Filmmaterial und Erzählstoff ab und interpretiert die Genres neu. Er führte bereits bei zahlreichen Kurzfilmen und Mittellangfilmen Regie und schrieb auch deren Drehbücher. Seine Filme wurden von vielen Filmfestivals eingeladen und einige von ihnen prämiert, darunter Boro in the Box, der in Cannes präsentiert wurde. Er ist frei vom Leben des Regisseurs Walerian Borowczyk inspiriert und knüpft an eine Retrospektive an, die Bertrand in Warschau geleitet hatte. Bertrand Mandicos Recherchen sind polymorph (Texte, Fotos, Zeichnungen, Montagen) und einige seiner Filme wie Living Still Life sind auch in Theaterwerkstätten ausgestellt. Er arbeitet außerdem zusammen mit Elina Löwensohn an einem Projekt über 21 Filme in 21 Jahren, einer Betrachtung über die körperlichen Zustände von Schauspielerin und Fiktion.

Bertrand sitzt zurzeit am Schnitt seines Kurzfilms The Return of Tragedy und feierte in Cannes gerade die Premiere von Ultra Pulpe, einem Mittellangfilm mit Natalie Richard, Eline Löwensohn, Pauline Lorillard, Vimala Pons und Lola Créton. Parallel dazu arbeitet er an mehreren Spielfilmen und Serien.

Ausgewählte Filmographie:
2018: Ultra Pulpe (37’)
2017: Les garçons sauvages (110‘)
2016: Depressive Cop (12’)
2016: Souvenirs d’un montreur de seins (10’)
2015: Y’a-t-il une vierge encore vinvante ? (9’)
2014: Notre Dame des Hormones (30’)
2013: Prehistoric Cabaret (10‘)
2012: S…Sa…Salam…Sallammbô (11‘)
2012: Living still life (17’)
2011: Boro in the box (42‘)
2011: Lif Og Daudi Henry Darger (12‘)
2010: Sa Majesté petites barbes (10‘)
2009: Mie, l’enfant descend du songe (11’)
2008: Il dit qu’il est mort (18’)
2007: Essai 135 (5’)
2006: Tout ce que vous avez vu est vrai (5’)
1998: Le cavalier bleu (11’)

Bertrand_Mandico

INTERVIEW MIT BERTRAND MANDICO

Wie kam es zu The Wild Boys?

Ich wollte einfach nur den Film machen, den ich gerne sehen wollte, aber auch meinen Spaß als Zuschauer nicht vergessen. Eine Art fantastisches Erzählen erforschen, das man für gewöhnlich nicht entwickelt, wenn man an seinen ersten Spielfilm angeht: Eine Geschichte, die Abenteuer und Surrealismus, eine tropische Insel und Studiokulissen, ein Schiff und einen Sturm vermischt… Beim Drehen habe ich jeden Tag versucht, die Fantasie beim Schopf zu packen, immer mit dem Wunsch, das Publikum mitzunehmen.

Der Titel des Films stammt von William S. Burroughs’ gleichnamigen Roman (1973), auf dessen Umschlagsseite steht, dass „jugendliche Guerilleros, die mit allen Sexwaffen und Drogen gewappnet sind, sich aufmachen, die Erde zu verwüsten“…

Dieser Titel verfolgt mich. Die Umschlagsseite ist prophetisch. Burroughs stellte sich seine Romane wie Filme vor. Einige Teile des Romans waren direkte Inspirationen, z.B. für die Szenen, in denen die Jungen mit einer hypersexuellen Pflanzenmasse Sex haben. Aber es handelt sich in keinster Weise um eine Adaptation, sondern vielmehr um eine Träumerei über diesen Titel. Ich wollte einen Steckling, eine Kreuzung von Jules Verne und Burroughs kreieren, einen unmöglichen Steckling, so als hätte Burroughs eine Robinsonade à la Jules Verne kontaminiert.

Sprechen wir über das Casting: Deine Wild Boys werden von Frauen gespielt und diese Illusion ist erstmal erstaunlich für den nicht eingeweihten Zuschauer…

Ich hatte von Anfang an Schauspielerinnen im Kopf. Ich wollte ihnen provokante Rollen anbieten und nach den wilden Jungs in ihnen suchen… Es ist spannend, Schauspielerinnen, die sich in den Rollen, die ihnen sonst angeboten werden, vielleicht eingeengt fühlen, eine Möglichkeit zu geben, anders zu spielen. Es hat lange gedauert, die fünf jungen Schauspielerinnen und die entsprechende Gruppendynamik zu finden: Ich wollte nicht in die Karikatur eines Ensemblefilms abrutschen, in dem das physische Erscheinungsbild jeder Figur so ausgeprägt ist, dass man erkennt, welche Rolle sie spielte. Ich wollte eine vereinte Bande, fast so was wie eine Rockband.

Und wer spielt was in dieser Band?

Vimala Pons wäre die Sängerin, Anaël Snoek am Keyboard, Pauline Lorillard am Schlagzeug, Mathilde Warnier am Bass und Diane Rouxel an der Gitarre. Der Kapitän (Sam Louwyck) wäre der Manager, dem die Band von Doktor Séverin (Elina Löwensohn), die ehrgeizigere Absichten für die Jungs hat, gestohlen wird.

Elina Löwensohn ist seit deinen Kurzfilmen deine Muse…

Elina ist sehr inspirierend, so, als hätte man eine Stradivari zu Hause – wenn man daran gewöhnt ist, auf ihr zu spielen, wechselt man das Instrument nicht. Es ist jedes Mal eine Herausforderung: Wozu kann ich sie diesmal bringen? Wir suchen die Figuren oft gemeinsam aus, z.B. über das Kostüm. Ich stelle mir sämtliche Möglichkeiten vor. Bei diesem Film haben wir alle Register gezogen, da Elinas Figur sehr wichtig ist, aber erst sehr spät im Film auftaucht – sie muss den Zuschauer beeindrucken, um sich durchzusetzen. Ich hatte zwei Vorbilder für sie: Zum einen Doktor Moreau aus H.G. Wells Roman Die Insel des Doktor Moreaus und zum anderen Klaus Kinski aus Werner Herzogs Fitzcarraldo bezüglich ihres Kostüms und ihres utopischen Triebs. Außerdem haben wir von Kinski die übernommen, sich zu bewegen und sich auf einem Fuß zu drehen, wie in Aguirre, der Zorn Gottes. Und die Spannung in seinem Blick.

Diese Inspirationen sind ja nur einige unter vielen: Der Film ist eine Mischung aus so unterschiedlichen Hommagen, dass es einem schwindelig wird, aber diese Üppigkeit verliert nie ihren Reiz und bringt etwas sehr Schönes hervor…

Ich bin sehr empfänglich für die Filme, die ich sehe. Ich lasse diese Einflüsse aus meinem Unterbewusstsein hochkommen, ohne sie benennen zu können. So als wäre ich in einem betrunkenen Zustand, der mir dabei hilft, meine eigene Stimme und meinen Weg zu finden.

Bei The Wild Boys wurde ich von den unterschiedlichsten Geistern heimgesucht, vom Geist von Jean Cocteau und von John Carpenters The-Fog-Periode oder vom Geist von Joseph von Sternbergs schwelgerischer Inszenierung, von seiner Art, den visuellen Raum zu besetzen, seine belebten Elemente mit Bedeutung aufzuladen, von seinen im Studio gedrehten Aufnahmen. Ich mag vor allem seine Art, sexuelle Spannungen zu erzeugen, wie mit Marlene Dietrich in Marokko. Ich habe mich auch von Mario Brava und Fassbinders Querelle inspirieren lassen, und von Jean Genêts Ein Liebeslied, einem meiner Lieblingsfilme. Es ist für mich unmöglich, alle diejenigen zu vergessen, die mich begeistert haben.

Kommen wir zur Inszenierung: der Film ist schwarz-weiß, hat aber einige Einschübe in Farbe…

Die Idee hat sich sehr schnell aufgedrängt, wie in den Filmen von Koji Wakamatsu. Das Prinzip der ‚grellen’ Farben, um den Zuschauer Schlüsselmomente anzuzeigen… Die Szenen in Farbe springen einen aus dem Hinterhalt an. Schwarz-Weiß schien mir entscheidend für den Film, aus pragmatischen und ästhetischen Gründen. Ihm eine Einheit zu geben, in der man leicht zwischen Studio- und natürlichen Außenaufnahmen hin- und herwechseln kann. Ich wollte aber, dass Farbspritzer auftauchen, die man nicht vorhersehen kann. Ich benutze diese Sequenzen, um meine Erzählung zu unterstreichen. Für mich ist The Wild Boys wie ein schwarzer Baum, an dessen Zweigen farbige Früchte wachsen.

Eine weitere Entscheidung war die Nachsynchronisierung: der gesamte Ton wurde beim Schnitt überarbeitet…

Ich habe die Tonspur nach den Dreharbeiten nachgebaut. Wir haben bei den Dreharbeiten einen fast unhörbaren Originalton aufgenommen. Man konnte bei den Außenszenen an den Stränden von Réunion wegen der starken Brandung sowieso nichts verstehen. Die Wellen konnten ohne Vorwarnung den schwarzen Strand völlig überlaufen.

Ich habe den Film fast ohne Ton geschnitten, nur mit Untertiteln, um mich zurechtzufinden. Dann habe ich die Schauspieler und Schauspielerinnen wiedergetroffen, die sich dann nochmals hineinversetzen mussten, und wir haben bei der Nachsynchronisierung alles nochmal verfeinert. Man kann dadurch sehr fein an den Nuancen einer Darbietung feilen. Danach wird die Stimmung gesetzt, also Geräusche und Musik – das ist ein organischer Prozess. Wir haben auch die Stimmlagen der Schauspielerinnen verändert, um sie männlicher zu machen. Am Ende des Films finden sie zu ihren Originalstimmen zurück.

Du hast ja schon angesprochen, dass die Wild Boys so was wie eine Rockgruppe sein sollen: der Soundtrack hört sich auf jeden Fall so an…

Der Soundtrack enthält größtenteils aktuelle Musik, die von talentierten Musikern wie Pierre Desprats, Hekla Magnúsdóttir (einer isländischen Musikerin) und der Band Scorpion Violent komponiert wurden… Es gibt aber auch Lieder aus den 80ern: Das schien mir passend, angesichts der Ästhetik und des Universums, in dem der Film spielt, auch wenn die Handlung Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist. Ich wollte eine jugendliche, lebhafte Note reinbringen… Das Ergebnis ist für mich völlig kohärent und überhaupt nicht anachronistisch.

Der Soundtrack enthält auch ein geniales Stück der deutschen Band Cluster aus den 70ern, und ein anderes von Nina Hagen, das sehr wichtig ist für den Höhepunkt des Films. Für den Abspann hatte ich ursprünglich an das Lied Midnight Summer Dream von den Stranglers gedacht, aber Elina Löwensohn hat mir ein Stück vorgespielt, dass ihr Bruder vor seinem Tod aufgenommen hatte: so schön, so verstörend. Pierre hat es neu arrangiert und ihm eine Komplexität gegeben, die sowohl romantische als auch Popelemente enthält. Genau danach habe ich gesucht. Den Text habe ich geschrieben, als eine Art Epilog zum Film, und Elina hat das Lied dann gesungen.

Wie deine Kurzfilme ist auch The Wild Boys mit Gewalt und Erotik aufgeladen, behandelt diese beiden Grundpfeiler des Kinos aber auf ganz besondere Art…

Ich mag realistische Gewalt im Kino überhaupt nicht. Ich möchte Gewalt auf eine beinahe schleierhafte und lyrische Art zeigen. Die Szene, in der Nathalie Richard nackt auf ein Pferd gebunden ist, kann auf dem Papier roh und hart wirken, aber ich versuche beim Drehen, eine ironische Distanz zu schaffen, nicht um sie zu bagatellisieren, sondern um sie in die, wie ich hoffe berauschende, Erzählung einzubinden. Ich bin mir nicht sicher, ob man den Zuschauer mit Härte, Kälte und Zynismus quälen muss. Im Gegenteil, ich denke, dass man komplexe Sachverhalte anders vermitteln kann und dadurch zweifellos eine viel tiefere Verstörung hervorrufen kann. Was die Erotik angeht, lasse ich mich von der Kamera leiten. Das Filmmaterial hilft mir, die Haut zu zelebrieren, ihre Poren mit dem Filmkorn zu streicheln. Digital ist zu hart für meine Augen.

Ich versuche nicht, explizit zu sein, ich versuche, durch visuelle Metaphern oder organische Kollagen einen Umweg zu gehen. Den Penis des Kapitäns habe ich z.B. durch eine Rinderzunge ersetzt – das ist nicht sehr erotisch auf dem Papier, erzeugt jedoch eine tief verstörende Wirkung. Dinge auf diese Art zu auszutauschen macht mir großen Spaß, so auch bei den behaarten oder phallusförmigen Früchten: Meine Erotik hat viel mit schwarzem Humor zu tun, es macht mir Spaß, der Sinnlichkeit einen Hauch von Ironie einzupflanzen.

Im Film plädiert Doktor Séverin für eine Feminisierung der Welt, um sie zu befrieden, du schlägst aber eine deutlich unklarere Richtung ein…

Diese Idee der Feminisierung, um alles sanfter zu machen, ist eine naive Utopie, eine Vision, die an das 19. Jahrhundert erinnert. Mich interessiert vielmehr das Erforschen des Dazwischens, der Moment, in dem man sich entwickelt, sich anpasst, hin- und herschwankt…

Diese Idee spiegelt sich auch in meiner Regie der Schauspielerinnen wieder: am Anfang waren sie begeistert davon, Männer zu spielen, aber ab einem bestimmten Punkt wollten sie ihre Rollen in der Garderobe lassen und hinter der Kamera wieder sie selbst werden – für die Crew waren sie ununterbrochen Männer… Als die Männer in der Handlung wieder Frauen werden und die Matrosen anmachen sollen, erinnere ich mich daran, ihnen gesagt zu haben: „Jetzt seid ihr wieder Frauen, lasst alles raus“. Das, was sie dann schließlich getan haben, kam mir aber total falsch vor. Das hat mich beschäftigt und sie sahen, dass ich ein Problem damit hatte. Ich habe ihnen eine sehr schlechte Anweisung gegeben. Letztendlich bat ich sie darum, ihre Art zu spielen nicht zu verändern: „Eure Figuren sind jetzt zwar Frauen geworden, aber spielt bitte immer noch wie die Jungs, die ihr wart.“ Das war wirklich der Schlüssel zu diesen Figuren, dass sie sich in einem Dazwischen befinden.

Egal, ob Körperflüssigkeiten oder das Verschwimmen von Geschlechtern, deine Kurzfilme – und jetzt auch The Wild Boys – sind von der Idee des Flüssigen durchzogen…

Die Mechanik des organisch Lebendigen ist das, was mich antreibt, das Zusammenspiel der Flüssigkeiten, die Verschmelzungen und Verwandlungen: die Grenzüberschreitungen, die unerforschten Gebiete… Ich behandle das auf eine zwanghafte, unbewusste Art. The Wild Boys ist kein Thesenfilm, sondern es ist vielmehr etwas Triebhaftes: ein funkelndes Objekt der Begierde. Meine Ideen sagen mir, wo ich mich befinde, aber sie zeigen mir nicht, wohin ich gehe.

Interview geführt von Léo Soesanto

DER SOUNDTRACK

«Ich entwickle keinen Film ohne Musik, das wäre wie Augen ohne Tränen. Der Fluss der Musik fließt durch alle Teile meiner Erzählung, der Soundtrack wickelt sie wie Efeu ein und beißt sich in die Bilder. Für The Wild Boys habe ich mir zur Aufteilung zunächst einige sehr bekannte Stücke aus Klassik und Popmusik ausgesucht, Stücke von Nora Orlandi, Nina Hagen, Cluster, Offenbach usw., aber auch unveröffentlichte Songs der faszinierenden Band Scorpion Violente und der traumhaften isländischen Musikerin Hekla Magnúsdóttir.

Außerdem habe ich Pierre Desprats gebeten, den Soundtrack zu schreiben. Als grobe Richtung gab ich ihm eine Reihe von Beispielen und Pierre erfüllte meine musikalischen Wünsche problemlos mit seiner glasklaren Stimme und seinen melancholischen Melodien.

Und das letzte Lied der WILD BOYS haben wir schließlich, als Highlight, zusammen geschrieben. Wir nahmen dafür ein unveröffentlichtes Stück von Ekko Löwensohn, zu dem seine Schwester Elina gesungen und Pierre die Arrangements geschrieben hat – und der Text stammt von mir.»

Bertrand Mandico

VOR DER KAMERA

Pauline Lorillard Pauline

Nach ihrer Ausbildung am Théâtre national de Strasbourg von 2001 bis 2006 spielte Pauline Lorillard vier Mal unter der Regie von Stéphane Branschweig und regelmäßig unter der Regie von Guillaume Vincent. Sie arbeitete mit Vincent Macaigne 2009 an der Inszenierung von Idiot! (nach Dostojewski) zusammen und dann 2014 an Idiot! parce que nous aurions dû nous aimer. 2010 arbeitete sie auch mit Laurent Gutman, 2010 mit Jean-François Auguste, 2015 mit Robert Canterrella und kürzlich mit Jonathan Châtel an der Adaptation von Ibsens Klein Eyolf. Sie hat gerade in Le froid augmente avec la clarté von Claude Duparfait am Théâtre de la Colline mitgespielt und arbeitetete im November 2017 erneut mit Vincent Macaigne für Je suis un pays. Auf der Leinwand konnte man sie in den Kurzfilmen Le sommeil d’Anna Caire von Raphaëlle Rio, Virginie ou la capitale von Nicolas Maury,  Aquabike von Jea-Baptise Saurel und im Spielfilm Pour le réconfort von Vincent Macaigne sehen.

Vimala Pons VIMALA

Vimala Pons ist Filmschauspielerin und arbeitete schon mit Regisseuren der Ancienne und der Nouvelle Vague (Alain Resnais, Jacques Rivette, Benoit Jacquot, Philippe Garrel, Bertrand Mandico, Antonin Peretjatko, Paul Verhoeven, Sébastien Betbeder, Thomas Salvador und Bruno Podalydès). Außerdem ist sie im „Cirque d’aujourdhui“ aktiv, besonders mit ihrem Partner Tsirihaka Harrivel, mit dem sie einige Bühnenshows (vor allem De nos jours und Grande) aufgeführt hat.

Diane Rauxel Diane

Nach Ihrem Kunststudium begann Diane Rouxel ihre Filmkarriere mit Larry Clarks The Smell Of Us. Danach spielte sie in einigen Kurz- und Spielfilmen, vor allem von Emmanuelle Bercot (La tête haute), Philippe Ramos oder Frédéric Mermoud. 2016 war sie für ihre Rolle in La tête haute auch für den César als beste Nachwuchsschauspielerin nominiert.

 

Anaël Snoek Anael

Anaël Snoek wurde in den 80er Jahren in Lüttich geboren. Als Schauspielerin arbeitet sie sowohl in Belgien, als auch in Frankreich und Spanien. Im Kino konnte man sie in Somewhere Between Here And Now von Olivier Boonjing und im Theater in Elektra von I. Pousseur und in Poil de Carotte von P. Houyoux sehen – für diese Rolle erhielt sie den Kritikerpreis als beste Nachwuchsschauspielerin. Sie arbeitet außerdem als Casting Director (Le nouveau, Rudi Rosenberg), als Schauspielcoach (Mein Engel, Harry Cleven) und Model (Tank Girl,.. ). Im Februar 2018 war sie zudem im „Centro Dramatico Nacional de Madrid“ (Una Noche de Verano, Voadora) zu sehen.

Mathilde Warnier BATEAU 2

Mathilde Warnier begann ihre Karriere als Journalistin für die Cahiers du Cinéma, aber ihre Leidenschaft galt immer dem Film und ihr Wunsch, zu schauspielern, brachte sie schnell vor die Kamera, u.a. in À toute épreuve von Antoine Blossier und Caprice von Emmanuel Mouret. Außerdem arbeitete sie mit Virginie Efira und Anais Demoustier. 2016 spielte sie an der Seite von Bérénice Béjo und Jérémie Rénier in Éternité von Tran Anh Hung. Sie hat auch in der zweiten Staffel von Frankreich gegen den Rest der Welt (Arte) mitgespielt.