Unrueh

Eine andere Zeit ist möglich! Zumindest war dies zu Beginn der industriellen Uhrenherstellung um 1877 der Fall, als Behörden, Fabrikanten und Uhrenmodelle noch mit je eigenen Zeiteinteilungen operierten, samt damit verbundener Zeitpläne, Werte und Weltbilder. In dieser proto-tayloristischen Gesellschaft, in der Beamte und Gendarmen über die richtige Uhrzeit wachen und dem Produktionsbetrieb und der Gemeinschaft den Takt vorgeben, gründen Arbeiter eine anarchische Gewerkschaft mit Verbindung zur internationalen Arbeiterbewegung. Dort begegnen sich Josephine, die über die Montage der Unruh, des Herzstücks der mechanischen Uhr, wacht, und der russische Kartograf Pyotr Kropotkin, der gerade im Jura weilt. Inspiriert von anarchistischen Ideen fordern sie die Befreiung der Zeit, setzen Solidarität und Pazifismus gegen Marktgesetze und Nationalismus.
Nach seinem Debüt Dene wos guet geit hat Cyril Schäublin seinen Stil weiterentwickelt: Mit höchster kompositorischer Sorgfalt verknüpft er die für ihn typischen kunstvollen Totalen und extremen Close-ups, die die Handwerkskunst feiern, mit einer klaren politischen Haltung und macht durch Verfremdung und Ironie deutlich, wie aktuell und universell sein Thema ist.

Spieltermine

Kinostart: 12.01.2023

Pressespiegel

★★★★☆ Filmdienst

"Das Beste von allem - in dieser Sektion, auf diesem Festival und für mich in diesem Jahr bisher - ist Cyril Schäublins absolut einzigartiger Unrueh, ein Film, der trotzig nicht kategorisierbar ist, es sei denn, man hat eine Kategorie, die für "spielerische, jenseitige Geschichten über Uhrmacherei und Anarchismus in der Schweiz der 1870er Jahre" vorgesehen ist. Unrueh  ist der bewegendste Film, den ich in Berlin gesehen habe.“ Jessica Kiang, New York Times

★★★★★ „Auch wenn die Protagonisten manchmal so aussehen, als würden sie eine Bombe oder eine Zukunftsmaschine bauen, hat Schaüblin einen Film mit einem uneinordbaren Charme geschaffen.“ Le Polyester

Unrueh zählt zum Besten, was der europäische Film aktuell zu bieten hat.“ taz

„Schäublin oszilliert zwischen Nahaufnahmen einer breit gefächerten Besetzung, wunderbar fetischistischen Details aus der Zeit der Uhrmacherei, der Telegrafen und des Uhrenstanzens und langen Einstellungen, die die Fabrikmanager, die Arbeiter, die Stadtbewohner und einen radikalen Kartographen, der aus Russland zu Besuch ist, zu Fresken vor der Landschaft und den Gebäuden machen. Auf spielerische und faszinierende Weise gelingt es dem Film, eine Krise der Politik und der Industrie weder als Melodram noch als Essayfilm zu visualisieren, sondern vielmehr als eine zirkulierende Welt ineinandergreifender Beziehungen, wie man sie in Filmen von Jacques Tati oder Robert Altman finden könnte.“ mubi notebook

„Es gelingt Schäublin ein tolles Porträt eines kuriosen historischen Moments, gewissermaßen des Zeitpunkts, der die Zeit hervorbrachte. Die Stärke des Werkes liegt in der scharfsinnigen, philosophischen und ästhetisch adäquaten Betrachtung des Phänomens der Zeit. Unruh bezeichnet auch ganz gut den Zustand, den der Film beim Ansehen auslöst. Ja er schafft es sogar, die alles beherrschende, stets knappe Zeit selbst in Frage zu stellen.“ Uncut

„Mit wunderbarem Sprachwitz, maximal entschleunigt schildert Schäublin, wie die Proletarierin und der Anarchist sich annähern. Man meint’s fast zu hören: Hier haben sich zwei getroffen, die gleich ticken.“ Neue Zürcher Zeitung

„Schönste Entdeckung der Berlinale 2022. Das gilt eigentlich für alle Aspekte: Die anspruchsvolle und ausgefallene Machart, die interessante Themenkombination aus Uhrmacher-Industrie und Anarchisten-Bewegung, die wunderschönen Bilder und der frische Schauspiel-Cast an aufregenden Gesichtern.“ Kino.de

„Eine sublim-schräge und spielerische Meditation über Anarchie und Uhrmacherei in der Schweiz der 1870er Jahre.“ Variety

„Tick, tick, boom How Swiss watchmakers shaped Peter Kropotkin’s ideas.“ The Economist

Biografie

Cyril Schäublin wurde 1984 in Zürich geboren und entstammt einer Uhrmacherfamilie. Er studierte Mandarin und Film an der Zhong Xi Academy in Peking und anschließend Filmregie an der DFFB in Berlin. Nach seinem Abschluss kehrte er in die Schweiz zurück. Sein Langfilmdebüt, Dene wos guet geit, feierte in Locarno Premiere und gewann eine Reihe an Auszeichnungen, darunter den Preis für den besten Film beim Edinburgh International Film Festival. Unrueh ist sein zweiter abendfüllender Spielfilm.

Filmografie

2009 Lenny - Kurzfilm
2011 Portrait - Kurzfilm
2013 Modern Times - Kurzfilm
2017 Dene wos guet geit
2021 Il faut fabriquer ses cadeaux - Kurzfilm
2022 Unrueh

Festivals & Preise

Bester Regie - Berlinale Encounters

Best Picture - Jeon Ju FF

Material

Filmplakat

Interviews

Cyril Schäublin & Clara Gostynski mit Carlo Chatrian (Berlinale)