Die Jahreszeiten (As Estações)
Info
PT/AT/ES/FR-2025, 82 Min. (DCP aus 16mm & Super8, 5.1, 1.66:1) OmdU
Regie, Drehbuch Maureen Fazendeiro | Kamera Robin Fresson , Marta Simões | Assistenz-Kamera Marianne Andrea Borowiec | Künstlerische Bildbearbeitung Sigi A. Fruhauf | Schnitt Telmo Churro, Maureen Fazendeiro | Ton Luca Rullo, Xavier Souto, Vasco Pimentel | Tonschnitt und Tonmischung Miguel Martins | Musik Luís J Martins | Austattung & Kostüm Melania Freire
Eine O Som e a Fúria Produktion, in Koproduktion mit Nabis Filmgroup, Filmika Galaika und Norte Productions | Produzent:innen Luís Urbano, Sandro Aguilar, Valentina Novati, Beli Martínez, Lukas Valenta Rinner | Herstellungsleiter Pierre-Emmanuel Finzi | Production Manager Catarina Alves, Vasco Costa
Mit Simão Ramalho, Cláudio da Silva, Ana Potra, Manuel Leitão, António Sozinho
Stimmen von Gerti Drassl, Michaela Kaspar, Raphael von Bargen, Toni Slama, António Abel, Simão Romeu
Mit der Unterstützung vom. BMWKMS, Kultur Oberösterreich und öfi+
Indem es Erzählungen landwirtschaftlicher Arbeiter:innen mit den Feldnotizen eines Archäologenpaars, Amateuraufnahmen mit wissenschaftlichen Zeichnungen, Legenden, Gedichten und Liedern verwebt, ist Die Jahreszeiten eine Reise durch die reale und erfundene Geschichte einer Region im Süden Portugals – dem Alentejo – und ein Porträt der Menschen, die sie bewohnt haben.
Spieltermine
PREMIERE
Do. 05.02.2026 19 Uhr Metro Kinokulturhaus in Anwesenheit von Maureen Fazendeiro und Team
Fr. 06.02.2026 KIZ Royalkino Graz in Anwesenheit von Maureen Fazendeiro
Sa. 07.02.2026 Leokino Innsbruck in Anwesenheit von Maureen Fazendeiro
Kinostart: 06.02.2026 u.a. im Metro Kinokulturhaus, KIZ Royalkino Graz, Moviemento Linz, Leokino Innsbruck u.v.a.
Pressespiegel
„Ein einfallsreiches Spielfilmdebüt.“ Filmuforia
„Das Kino vermag einzigartige Wunder zu vollbringen, indem es durch die Montage Realität und Mythos nahtlos miteinander verwebt.“ International Cinephile Society
„Fazendeiros visueller Essay verbindet Vergangenheit und Gegenwart, Flora und Fauna, Oberfläche und Untergrund, Gewalt und Schönheit auf eine zugleich schlichte und fließende Weise, die das Werk umso erkenntnisreicher und kostbarer macht.“ International Cinephile Society
„Eine rätselhafte Atmosphäre und taktile Sinnlichkeit.“ Moviebreak
„Fazendeiro nutzt das Kino als Instrument, um die verschiedenen historischen Schichten freizulegen, die in jeder Landschaft enthalten sind. Ein komplexes Werk der Humangeografie.“ In Review Online
„Dieses Kino ist weniger ein Film über das Alentejo als vielmehr ein Film, der selbst das Alentejo ist – mit seinen langen Pausen, seinen auf unterschiedliche Weise erzählten Geschichten, seiner Erinnerung, die nicht in Büchern bewahrt wird, sondern in den Mündern der Menschen und in der Geduld der Zeit. Es ist ein Kino des Sammelns und des Zuhörens, eine Geste der Bewahrung, die versteht, dass das Land nicht nur zu kultivierende Fläche ist, sondern der Boden, auf dem unsere Identität gründet.“ Spoiler Movies
„Inmitten des Pessimismus und Defätismus unserer Zeit wirkt es berührend, wie Fazendeiro das Alentejo und die Ausgrabungsstätte Castelo Velho als Außenposten von Schönheit und Möglichkeit zeigt.“ Cineuropa
„Ein ebenso beglückendes wie aufschlussreiches ethnografisches Porträt des Alentejo.“ Filmuforia
„Akustische Elemente verschmelzen mit den Bildern und verstärken die immersive Atmosphäre von Maureen Fazendeiros nostalgischen Landschaftsporträts.“Moviebreak
„Fazendeiros Blick erfasst diese Region aus einer einzigartigen und uneigennützigen Perspektive; während die Dolmen bewahrt werden, bewahrt sie das Wesen des Alentejo, Portugal.“ Film Fest Report
Biografie
Maureen Fazendeiro (1989) ist Französin und lebt in Lissabon. Ihre Filme wurden auf internationalen Festivals wie dem FID, in Toronto, bei der Quinzaine des Cinéastes, dem NYFF, Cinéma du Réel, Jeonju sowie in Kinematheken und Museen gezeigt. Sie teilt ihre Zeit zwischen eigenen Projekten und ihrer Zusammenarbeit mit Miguel Gomes als Drehbuchautorin und Casting-Direktorin.
Maureen Fazendeiro (1989) ist eine französische Regisseurin und Drehbuchautorin. Sie lebt und arbeitet in Lissabon. Sie studierte Literatur, Kunst und Film an der Université Denis Diderot in Paris.
Ihr erster Film, der mittellange Film Motu Maeva (2014), feierte seine Premiere beim FID Marseille und wurde auf mehreren internationalen Festivals ausgezeichnet (DocLisboa, Valdivia, Brive, Play-Doc). Dieser Film sowie ihre weiteren Kurzfilme Sol Negro (2019, TIFF Wavelength) und Les Habitants (2025, Cinéma du Réel) wurden weltweit auf zahlreichen Festivals gezeigt, darunter die Viennale, Mar del Plata, Jeonju, New Directors/New Films, FICUNAM, Belfort, Angers, Gijón und die Seminci, sowie in Kinematheken und Museen wie der FIAC Paris, der Biennale von Venedig, der Aichi Triennale, dem Palais de Tokyo und dem MoMA.
Ihre Arbeit bewegt sich zwischen eigenen Projekten und der Zusammenarbeit mit Miguel Gomes, mit dem sie als Casting-Direktorin und Drehbuchautorin tätig ist (u. a. Grand Tour, Offizieller Wettbewerb Cannes 2024). Gemeinsam realisierten sie den Film Diários de Otsoga (Quinzaine des Réalisateurs 2021), der in Portugal, Frankreich, den USA, Italien, Spanien und Brasilien ausgewertet wurde und auf über fünfzig Festivals lief. Dafür erhielten sie den Preis für die beste Regie beim Internationalen Filmfestival von Mar del Plata. Zudem war sie Co-Autorin des kommenden Films von Miguel Gomes, Savagery.
2025 widmete das Festival Curtas Vila do Conde ihrem Werk eine Sektion innerhalb der Reihe „New Voices“. Im selben Jahr wurde ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm Die Jahreszeiten im Wettbewerb des Filmfestivals von Locarno präsentiert.
2014 - Motu Maeva, 42 Min.
2019 - Black Sun, 2019, 7 Min.
2021 - Diários de Otsoga, im Koregie mit Miguel Gomes, 102 Min.
2025 - Les Habitants, 42 Min.
2025 - As Estações (Die Jahreszeiten), 82 Min.
Sigi Fruhauf
Geboren 1976 in Grieskirchen (Oberösterreich). Aufgewachsen auf einem Bauernhof im kleinen Ort Heiligenberg. Von 1991 - 1994 Ausbildung zum Industriekaufmann. Anschließend Studium experimentelle visuelle Gestaltung an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz (Diplomprüfung 2004). Mit Beginn des Studiums ergaben sich die ersten Kontakte und Anknüpfungspunkte zum österreichischen Avantgardefilmschaffen. 2002 - 2008 Programmleitung beim Jugendmedienfestival Youki Wels. Seit 2009 Lehrtätigkeit an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz, zuerst als Lektor nun als Senior Artist. Weitere Lehrtätigkeiten und Gastvorträge an der Technischen Universität Wien, der Universität Wien, der Universität für angewandte Kunst Wien, der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz und dem Crawford Art College in Cork, Irland. Im Sommersemester 2017 Gastprofessur an der Technischen Universiät Wien, Institut für Architektur und Entwerfen. Vorstands-Mitglied des Avantgardefilmverleihs sixpackfilm in Wien und Mitglied der KünstlerInnenvereinigung Maerz in Linz. Zahlreiche Arbeiten und Ausstellungen im Bereich Film, Video und Fotografie. Teilnahme an renommierten internationalen Filmfestivals (z. B.: Festival de Cannes, International Filmfestival of Venice, Berlinale, Sundance Film Festival Park City, ...). Zu den wichtigsten Auszeichnungen zählen der Österreichische Kunstpreis für Film 2018 und der Kulturpreis des Landes Oberösterreich in der Sparte Film & Video 2022. Ein Sohn (Jonas Theodor) und zwei Töchter (Aurora Sina, Mara Salome) mit der österreichischen Autorin Anna Katharina Laggner. Lebt und arbeitet in Wien und Heiligenberg.
Festivals & Preise
PREISE
Locarno Filmfestival Wettbewerb Boccalino D’Oro Award for Best Contribution to Cinematic Language
Docslisboa . The Portuguese Authors’ Society Award
L'Alternativa Barcelona - AMMAC Spanish Film Prize
Caminhos Film Festival - Fipresci Award for Feature Film
InLaguna Film Festival, Italy : Premio Gianfranco De Bosi
FESTIVALS
Viennale, Tiff Wavelengths, Filmfest Hamburg, Yamagata IDFF, Underdox, Lima Alterna FF, Bukarest Experimental FF, La Roche-sur-Yon, São Paulo IFF, Semininci Vallaloid IFF, Sacnorama Lithuania, IDFA, Filmmakers Festival, Athens Avant-Garde FF
Material







Fotos, Foto Regisseurin, Plakat
Interviews
Gespräch mit Maureen Fazendeiro
Der Film vereint ethnografische Sequenzen, Landschaftsaufnahmen und inszenierte Szenen, die von lokalen Erzählungen inspiriert sind und mit kostümierten Laiendarsteller*innen arbeiten. War es von Anfang an Ihr Plan, Fiktion und Dokumentarfilm in einem Werk zu verbinden, oder entwickelte sich diese Idee erst im Laufe des Sammelns der Geschichten?
Mein Ausgangspunkt war wissenschaftliches Material, das der Analyse, Klassifizierung und dem Vergleich diente: Zeichnungen, Messungen, Fotografien, Karten und Feldnotizen, die mir halfen, die Arbeitsmethoden der Leisners und ihre Entdeckung der Region zu verstehen. Eine der ersten Handlungen der Leisners bestand darin, die Menschen auf den Feldern zu fragen, wo große Steine zu finden seien. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts arbeiteten – anders als heute – sehr viele Menschen auf den Feldern, da die Region die Kornkammer Portugals war. Die Dolmen wurden oft als „Maurenhäuser“ bezeichnet und waren Ursprung zahlreicher Geschichten und Legenden über eine „verzauberte Maurin“, manchmal halb Frau, halb Schlange, die den Mut der Menschen auf die Probe stellte oder Schätze im Tausch gegen eine Gefälligkeit versprach, bevor sie wieder verschwand. Mir war also klar, dass ich ein wissenschaftliches Universum mit einem mythologischen verbinden würde. Wir haben den Film als Dokumentarfilm produziert, doch die ursprüngliche Idee war von Anfang an, das Imaginäre zu dokumentieren.
Wie haben Sie die Menschen kennengelernt und die Figuren ausgewählt, die im Film erscheinen?
Zu Beginn verbrachte ich viel Zeit mit Archäolog:innen auf den Ausgrabungsstätten. Eines Tages nahm mich einer von ihnen mit nach Monte das Cortes, wo die Familie Ramalho Serpentinerziegen züchtet, eine autochthone Rasse. Monte das Cortes ist ein Ort, der seit dem Mittelalter von Mönchen bewohnt wurde und außergewöhnlich gut erhalten ist. Dort begegnete ich António, dem Hirten im Film, und dem jungen Simão, der bei meinem ersten Besuch noch ein Kind war. Wir begannen, mit einem sehr kleinen Team, António bei seiner Arbeit zu filmen, nach einer Art anthropologischer Arbeitsweise. Mit der Zeit konnte ich jedoch weitere Ideen einbringen, etwa den Bau der Hütte mit seinem Bruder, inspiriert von jener, die ihr Vater benutzte, als sie Kinder waren. Und schließlich erzählte mir António – der nicht sehr gesprächig war – nach zwei Jahren die Legende, die ich später mit Simão inszenierte. Die junge verzauberte Maurin, Ana Potra, ist die Enkelin von Zico, jenem Mann, der die Geschichte von Charro erzählt, während er mit seinen Freunden am Tisch sitzt. Zico hatte die Archäolog:innen während ihrer Ausgrabungen als Fahrer begleitet und aus ihren Gesprächen heraus seine eigene Chronologie und Mythologie entwickelt. Durch ihn lernte ich Manuel Pisco kennen, den Volkspoeten, der das Charro gewidmete Gedicht vorträgt. Was Charro betrifft, war mir sofort klar, dass diese Figur – im Gegensatz zu allen anderen – von einem professionellen Schauspieler verkörpert werden musste. Cláudio da Silva ist sehr begabt im Umgang mit Text und Sprache, und es war daher ein gewisses Wagnis, ihn für die Rolle einzuladen, da Charro nicht spricht.
Der Film enthält Lieder, Gedichte und Off-Kommentare. Wie haben Sie dieses Material in den Schreibprozess integriert?
Die Idee des gemeinsamen Schreibens war während des gesamten Prozesses sehr wichtig. Das Gedicht über Charro etwa existierte zunächst nicht. Ich bat den Dichter Manuel Pisco, es eigens für den Film zu schreiben, ausgehend von dem, was er über die Geschichte wusste, die mir eng mit der Zeit der Diktatur verbunden scheint, auch wenn sie nicht direkt in dieser Epoche angesiedelt ist. Mit den Kindern, die die Höhle besuchen und in der Nähe des Dolmens spielen, organisierte ich zunächst einen Schreibworkshop. Vormittags besuchten wir eine archäologische Stätte oder hörten Geschichten. Am Nachmittag sprachen wir über das Gesehene, isolierten die Elemente, die uns besonders berührt hatten, und arbeiteten gemeinsam an der Ausarbeitung einer Legende. Es war chaotisch und fröhlich. Als ich einige Monate später zum Drehen zurückkam, konnten manche Kinder nicht mehr teilnehmen, also stellten wir eine neue Gruppe zusammen. Ich gab ihnen die während des Workshops entstandene Legende und bat jeden, mir auf dieser Grundlage seine oder ihre eigene Version zu erzählen. Eine dieser Aufnahmen ist im Film zu hören – die Geschichte des Hirten, der drei Nächte lang zu dem Dolmen zurückkehrt, an dem ihm die verzauberte Maurin erschienen war.
Nachdem Sie die Leisner-Archive entdeckt und im Alentejo auf ihren Spuren recherchiert hatten: Wie gelang es Ihnen, all diese Erzählungen und historischen Zeiträume miteinander zu verweben?
Während des Schreibens hatte der Film eine Struktur, die auf den vier Jahreszeiten basierte – daher auch der Titel – und mit jeder Jahreszeit gingen wir weiter in der Zeit zurück. Wir begannen im Sommer in der Gegenwart mit den Kindern, der Herbst war der Nelkenrevolution und den Landarbeiter:innen gewidmet, im Winter behandelten wir das Leben und Werk der Leisners. Der Frühling schließlich zeigte eine zeitlose Legende, in der Elemente der vorhergehenden Jahreszeiten wieder auftauchten. Der Prozess wurde zu einer Art äußerst organisierter Ausgrabung. Doch eine der wichtigsten Lehren, die ich von den Archäolog:innen mitgenommen habe, ist, dass archäologische Stätten oft Spuren sich überlagernder Epochen enthalten, mitunter mit Jahrhunderten des Verlassenseins, bevor sie wiederentdeckt, genutzt oder sogar umgestaltet werden. Wir organisierten den Dreh mehr oder weniger entlang dieser Struktur, über vier Jahreszeiten hinweg, während eines Zeitraums von zweieinhalb Jahren. Im Schneideraum erwies es sich schließlich als viel spannender, mit der Idee eines Zyklus zu arbeiten, alles zu vermischen und zu versuchen, unterirdische Verbindungen herzustellen. Ich denke dabei oft an W.G. Sebald, dessen Schreiben einer assoziativen Logik folgt, die historische Ereignisse durchquert, ohne Anspruch auf Chronologie oder direkte Kausalität.
Der Film zeigt Archivaufnahmen aus den 1970er-Jahren von Landarbeiter:innen beim Pflügen der Felder. Woher stammen diese Bilder, und stehen sie im Zusammenhang mit der Nelkenrevolution?
In dieser landwirtschaftlich geprägten Region gehörten (und gehören teilweise bis heute) die Böden wenigen Familien, die große Güter – sogenannte herdades – besitzen, auf denen Kork geerntet, Vieh gezüchtet und Weizen angebaut wird. Die meisten Arbeiter:innen wurden vollständig ausgebeutet; selbst Kinder arbeiteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Anfang der 1960er-Jahre begann die Diktatur zu bröckeln, und die Kommunistische Partei organisierte den Widerstand. Es gelang den Aktivistinnen, die Idee zu verbreiten, dass die Menschen für einen Achtstundentag kämpfen müssten. Am 25. April 1974 wurde die Diktatur gestürzt, und die Landarbeiter:innen begannen, die Güter unter dem Slogan „Das Land gehört denen, die es bearbeiten“ zu besetzen. Sie vertrieben die Eigentümer und gründeten in der gesamten Region Kooperativen. Die saia, ein traditionelles Lied, das von den Frauen gesungen wird, die wir im Hof sehen, verweist auf diese Zeit der Agrarreform. Während meiner Recherchen traf ich Manuel Canelas, einen Cinephilen, der zum Studium nach Lissabon gegangen war und unmittelbar nach der Revolution in den Alentejo zurückkehrte. Er hatte sein Dorf und die Arbeit der Kooperative mit einer Kamera und Filmmaterial gefilmt, das ihm von einer während der Revolution gegründeten Organisation zur Unterstützung junger Initiativen zur Verfügung gestellt worden war. Aus Geldmangel ließ er das Material nie entwickeln. Er übergab mir Dutzende Rollen Schwarzweiß-16-mm-Film aus den Jahren 1975–1976. Wenn der Film heute wie ein rissiges Gemälde wirkt, dann deshalb, weil das Material lange auf einem Dachboden lagerte, bevor es entwickelt wurde.
Und was ist mit den Zeichnungen und Animationen im Film?
Die Leisner-Archive enthielten Tausende von Skizzen und Zeichnungen. Vera Leisner übertrug die in den Dolmen gefundenen Überreste auf Transparentpapier, insbesondere die sogenannten „gravierten Schieferplatten“ – Artefakte aus Schiefer, die spezifisch für diese Region sind und in Hunderten gemeinschaftlicher Grabanlagen vorkommen. Die Zerbrechlichkeit des Steins erlaubte es, ihn in anthropomorphe Formen (Köpfe und Körper) zu schneiden und mit Linien und geometrischen Mustern zu gravieren. Einige Archäolog:innen interpretieren diese Linien als Hinweise auf die Stellung innerhalb der Clanlinie und sehen in ihnen die ersten Ausweisdokumente der Menschheit. Der experimentelle Filmemacher Siegfried A. Fruhauf schuf diese rhythmische Collage, die sich über die Fotografien legt, die wir von den Zeichnungen aus den Archiven gemacht haben.
Warum endet der Film mit dieser eindrucksvollen Sequenz der Korkeichen? Und woher stammt die Musik?
Die Korkeiche ist äußerst charakteristisch für die Region und eine wichtige Einnahmequelle für die Großgrundbesitzer, da die Korkernte sehr profitabel ist. Portugal ist der weltweit größte Korkexporteur. Ich wollte diese materielle Realität filmen und die äußerst präzisen Bewegungen der Korkschäler festhalten. Für mich verankert diese Sequenz den Film und verweist auf eine Form von Direct Cinema, zugleich spiegelt das Schälen der Rinde die Schichtstruktur des Films wider. Was die Musik betrifft, so ist die letzte Einstellung eine Aufnahme eines lokalen Musikers, der ein Volkslied singt – „Ich komme von der gläsernen Insel, aus dem Land der Diamanten“ – begleitet von seiner viola campaniça, einer für die Region typischen Gitarre. Das andere Stück, das während der Archivbilder zu hören ist, stammt ebenfalls aus einer Aufnahme, diesmal vom Ethnologen Michel Giacometti aus den frühen 1970er-Jahren. Anschließend arbeitete ich mit dem Gitarristen Luís J. Martins zusammen, der Variationen über Giacomettis Aufnahme komponierte – wiederum unter Verwendung derselben Gitarre.
Regie-Notizen
Die Jahreszeiten ist ein archäologischer Film. Er erkundet die Landschaften, Stimmen und Gesten der Bewohner:innen des Alentejo, um die Spuren einer gemeinsamen Geschichte freizulegen – geprägt von Kriegen und Revolutionen, von Angst und Widerstand, von Beständigkeit und Verwandlung.
Alles begann mit einem Zeitungsartikel mit dem Titel: „Nas antas do Alentejo já se falou alemão“ („In den Dolmen des Alentejo sprach man einst Deutsch“).
Fotografien aus den 1940er-Jahren zeigten zwei deutsche Archäolog:innen, ein Ehepaar, bäuchlings unter megalithischen Monumenten liegend. Sie hießen Georg und Vera Leisner und forschten damals zu prähistorischen Grabmonumenten. Als Pioniere der Geschichte der portugiesischen Archäologie machten sich die Leisners daran, das erste Inventar der megalithischen Monumente der Iberischen Halbinsel zu erstellen. Sie konzentrierten sich auf die neolithische Epoche, insbesondere auf den Moment, in dem der Mensch sesshaft wurde und begann, Raum in Territorium zu verwandeln. 1943 zwang der Krieg sie, in Portugal zu bleiben, da ihr Haus in München durch Bombardierungen zerstört worden war. Der Zeitungsartikel kündigte die Veröffentlichung des vollständigen Archivs des Ehepaars an, und so begab ich mich in die Bibliothek, um es einzusehen. Dort fand ich Dutzende von Mappen mit Feldnotizen, Fotografien, Zeichnungen und Briefen. Besonders eindrücklich war ihre Korrespondenz mit Freund:innen und Kolleg:innen, die die alliierten Bombardierungen deutscher Städte beschrieben. Es versetzte mich in Schwindel, mir vorzustellen, dass genau in dem Moment, in dem die Leisners an den Grabmonumenten der Anfänge der europäischen Zivilisation arbeiteten, der Kontinent verwüstet wurde und eine der schlimmsten Krisen der Menschheitsgeschichte durchlebte.
Ich reiste in den Alentejo, um den Spuren der Leisners zu folgen, die Dolmen zu besuchen und die Landschaften der Region selbst zu entdecken. Ich wollte einen Weg finden, Gegenwart, die jüngere Vergangenheit des 20. Jahrhunderts und die ferne Vergangenheit der europäischen Vorgeschichte in einer einzigen Einstellung zusammenzuführen. Kurz gesagt wollte ich herausfinden, wie man einen Film über Archäologie machen kann – nicht im wissenschaftlichen, sondern im formalen Sinn – und erkunden, wie das Kino von einem einzigen Ort aus durch verschiedene Schichten von Zeit und Erinnerung reisen kann.
Während meiner Reise durch die Region begegnete ich ihren Bewohner:innen: Archäolog:innen, Hirten, Imker:innen, Dichter:innen und Landarbeiter:innen aus der Zeit der großen Güter unter der Diktatur. Ich verbrachte Zeit mit ihnen und hörte ihnen zu, wie sie mir von ihren Erinnerungen, ihren Vorstellungen und den in der Landschaft eingeschriebenen Geschichten erzählten. Nach und nach nahm ein Territorium Gestalt an. Dieser Film zeichnet dieses sich wandelnde Landschaftsbild nach – geprägt von den Menschen, von dem, was sie gebaut haben, und von dem, was zerstört wurde – und durch ihre Erfahrungen und ihre Vorstellungskraft.
Kinostart mit der Unterstützung vom öfi+
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