Sehnsucht in Sangerhausen
Info
DE-2025, 90 Min. 2K
Buch, Regie, Montage Julian Radlmaier | Kamera Faraz Fesharaki | Szenenbild Anna Scheffel-Brotánková | Kostümbild Marie-Luise Wolf | Maskenbild Sada Leigh Sherrin | Außenrequisite Anita Grey | Setrequisite Federica Menegatti | Casting Ulrike Müller | Farbkorrektur Isabelle Julien | Tonmeister Rainer Gerlach | Tongestaltung Christian Obermaier | Tonmischung Matthias Lempert | Redaktion WDR Frank Tönsmann | Junior Producerin Daria Wichmann | Produzent Kirill Krasovski | Eine Blue Monticola Film Produktion in Koproduktion mit dem Westdeutschen Rundfunk und mit der Unterstützung von die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Mitteldeutsche Medienförderung, Deutscher Filmförderfonds (DFFF), Medienboard Berlin-Brandenburg, German Films
Mit Clara Schwinning, Marlene Hauser, Maral Keshavarz, Henriette Confurius, Paula Schindler, Ghazal Shojaei, Kyung-Taek Lie, Buksori Lie, Jérémie Galiana
Ursula, eine ostdeutsche Kellnerin, und Neda, eine iranische Youtuberin mit einem gebrochenen Arm, fühlen sich beide in ihrem prekären Leben gefangen und einsam. Durch eine Reihe von Zufällen werden die beiden Frauen auf eine unerwartete Geistersuche in den Bergen geführt. Ein romantischer Abenteuerfilm über eine ungewöhnliche Freundschaft und die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
Spieltermine
Kinostart. 27.03.2026
WIEN Premiere im Metro Kinokulturhaus am Di. 24.03 19 Uhr in Anwesenheit von Julian Radlmaier
Pressespiegel
„Ein romantisches Gedicht“ Blickpunkt Film
„Wer findet, das deutsche Kino müsste mal seine dauerklischierte Darstellung von Ostdeutschland hinterfragen, ist bei Julian Radlmaiers Komödie genau richtig.“ Der Spiegel
„Das Tolle ist: der Film erfüllt seine gesellschaftskritische Mission mit viel Humor, mit romantischer Ironie.“ rbb
★★★★ Kinozeit
★★★★ „Mit liebevollem Blick und sanftem Humor zeigt der Film, wie das schwärmerische Sehnen der Romantik heute gelingen kann.“ tip berlin
„Bei Julian Radlmaier ist das Charisma ein Kollektiverfolg – die Chemie zwischen den Spielenden überträgt sich, die Begeisterung des Regisseurs für sie, für die Irrungen und Wirrungen der Geschichte und Gesellschaft. Zu sehen sind stets die Schönen, die Intelligenten, die Eloquenten. Im Kern pocht eine gutherzige und rührende Hoffnung auf Solidarität und Verbundenheit über alle Unterschiede und Identitäten hinweg.“ taz
„Damit wird der Film zu einem Exerzitium eines gewaltlosen Umsturzes von unten, bei dem es nicht darum geht, reichen Menschen eine Menge Geld abzuknöpfen oder sie gar zu enthaupten, sondern zuerst einmal nur darum, zusammenzufinden zu einer möglichen Gemeinschaft. In einer Stadt, die einst in der DDR lag, führt ein Weg zu dieser Gemeinschaft über die „Straße der Volkssolidarität“, aber dieser Begriff muss erst noch mit Leben gefüllt werden. Von diesem Leben gibt Julian Radlmaier einen Vorschein. Er tut dies mit den Registern einer romantischen Komödie, die schließlich tatsächlich so etwas wie mystischen Glanz ausstrahlt.“ Frankfurter Allgemeiner Zeitung
„Eine charmante Komödie, die Poesie, politische Unruhe und romantische Sehnsucht im Herzen des modernen Europas findet.“ The Film Verdict
★★★★ „Sehnsucht in Sangerhausen schwingt sich gewagt und frohgemut an seinen Vorbildern hinauf – es kommen Rohrwacher, Fassbinder, Löwenzahn, das Sonntagsmärchen, Jarmusch und Greenaway in den Sinn, wenn man sie denn suchen und benennen will. Bis zum Ende besteht dieser Film darauf, dass es mehr für uns gibt, dass die Kirschen wirklich so saftig sind, wie sie aussehen.“ epd-film
„Julian Radlmaier erkundet das historische Städtchen im Harz, er verwandelt und verzaubert es. Und nebenbei auch unser Land, das im sanften Rhythmus der farbenfrohen 16-mm-Bilder zu sich selbst zu kommen scheint." Die Zeit
★★★★☆ „Eine wunderbar fesselnde und zutiefst mitreißende Mischung aus sonderbarer Komödie und warmherzigem Drama.“ International Cinephile Society
„Einen leichten, verschroben humorvollen Film hat Radlmaier hier inszeniert.“ FAZ
„Ein romantischer, politischer und komischer Film über Sehnsucht, Solidarität und das Träumen in prekären Lebensverhältnissen.“ uncut.at
„Doch wirklich ins Visier nimmt Radlmaier die Einstellungen der Menschen. Das bringt einen ordentlichen Anteil Humor mit sich, gleichzeitig zeigt sein sorgfältiges Drehbuch, wie Fremdenfeindlichkeit oft nicht aus Hass, sondern aus Angst vor dem Unbekannten entsteht, gezielt von populistischen Politikern geschürt.“ Screendaily
Biografie
Julian Radlmaier, geb. 1984 in Nürnberg, ist ein deutsch-französischer Filmemacher und lebt in Berlin. Er studierte Filmwissenschaft und Kunstgeschichte in Berlin und Paris und anschließend Regie an der dffb. Währenddessen arbeitete er als Assistent von Werner Schroeter und hat filmtheoretische Schriften des französischen Philosophen Jacques Rancière übersetzt und herausgegeben. Seine zwei mittellangen Filme EIN GESPENST GEHT UM IN EUROPA und EIN PROLETARISCHES WINTERMÄRCHEN sowie der abendfüllende Abschlussfilm SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES, in dem er selbst die Hauptrolle spielt, liefen weltweit auf renommierten Festivals (u.a. Berlinale, Rotterdam, Viennale, Rio, Melbourne, FICUNAM) und wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit zwei Preisen der deutschen Filmkritik. Sein neuer Spielfilm BLUTSAUGER feiert 2021 in der Berlinale-Sektion Encounters Premiere und erhielt bereits den Deutschen Drehbuchpreis.
Filmographie Regisseur
2013 Ein Gespenst geht um in Europa
2014 Ein proletarisches Wintermärchen
2017 Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes
2021 Blutsauger
2025 Sehnsucht in Sangerhausen
Festivals & Preise
Locarno 2025 | Viennale
Material








Plakat, Foto, SocialMediaPackage
Interviews
INTERVIEW MIT JULIAN RADLMAIER
Was hat Sie dazu inspiriert, diese Geschichte zu erzählen?
Es begann mit einem Foto der Kleinstadt Sangerhausen, auf dem die Halde zu sehen ist, ein künstlicher Berg, der sich hinter der Stadt ebenso geheimnisvoll erhebt wie der Fuji in Hokusais Holzschnitten oder der Mont Saint-Victoire in Cézannes Gemälden. Ich reiste für ein paar Tage dorthin und war fasziniert von den vielen eigenartigen Orten und historischen Schichten, denen ich begegnete. Es war wie eine Verdichtung der deutschen Vergangenheit und Gegenwart, einschließlich ihrer dunkelsten Facetten, und gleichzeitig voller überraschender poetischer Details.
Es gibt verschiedene Welten und Realitäten, die aufeinanderprallen, alt und modern, Arbeiter- und Mittelschicht, städtisch und ländlich usw. Was ist ihr gemeinsamer Nenner? Gibt es ein verbindendes Element?
Ich mag es, Schnittpunkte zwischen Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen zu erforschen. In diesem Fall nicht nur aus verschiedenen Ländern und sozialen Schichten, sondern auch aus verschiedenen Jahrhunderten. Was die Figuren auf individueller Ebene verbindet, ist vielleicht eine Art Prekarität, Einsamkeit und eine vage Sehnsucht nach einem anderen Leben. Aber im Film wird dies aus einem breiteren historischen und politischen Blickwinkel reflektiert.
Mit welchen Konflikten sind die Protagonist*innen konfrontiert?
Die Geschichte dreht sich um zwei Frauen, die beide im heimlichen mit ihrem Leben unzufrieden sind. Ursulas Existenz wird durch zwei schlecht bezahlte, sehr anstrengende Jobs und die Kleingeistigkeit ihres Umfelds erstickt. Neda lebt im Exil und versucht mühsam, die Visabestimmungen, die Absurditäten des Selbstunternehmertums im digitalen Zeitalter und die erbärmlichen Überreste einer begrabenen künstlerischen Ambition unter einen Hut zu bringen. Ich denke dabei weniger an Konflikte im dramaturgischen Sinne, sondern eher an den Konflikt, der zwischen dem Leben, das sie führen, und dem Leben, das sie sich vielleicht vorgestellt haben, liegt.
Inwiefern spiegeln ihre individuellen Herausforderungen die Gesellschaft im Allgemeinen wider?
Die Fakten, die unsere heutige Zeit bestimmen, sind alle im Film präsent: der neoliberale Kapitalismus mit seinem wirtschaftlichen Druck und seinen schlechten Arbeitsbedingungen, seinen psychologischen und sozialen Auswirkungen; der Aufstieg von Nationalismus und Rassismus; Krieg und Exil. Das ist es, was einem erfüllten Leben im Wege steht, sowohl auf individueller als auch auf globaler Ebene. Es sind äußere Hindernisse, aber sie haben auch unser Inneres erobert. Wenn meine Protagonist*innen nach Lösungen suchen, versuchen sie diese daher an eher imaginären Orten zu finden. Was neue Perspektiven und sogar Hoffnung eröffnet, ist die Begegnung mit anderen, die Möglichkeit, neue, wenn auch fragile Gemeinschaften zu schaffen.
Was bedeutet der Verweis auf den berühmten deutschen Dichter Novalis?
Novalis ist eine Schlüsselfigur der frühen deutschen Romantik, der Erfinder der „blauen Blume“, einem Symbol für die Sehnsucht nach einem unerreichbaren Anderswo. Da er in einem Schloss in der Nähe von Sangerhausen geboren wurde, musste er einfach in dem Film vorkommen. Novalis war auch Geologe, und Steine spielen in dem Film eine große Rolle. Er schrieb in einer sehr eklektischen und fragmentarischen Form, die mich sehr anspricht. Aber ich zog es vor, ihn aus einem schrägen Blickwinkel zu betrachten und mich nicht auf die Sehnsucht von Novalis, dem elitären jungen Aristokraten, zu konzentrieren, sondern stellte mir seine Magd vor, die beim Leeren des Nachttopfs des Dichters von der Französischen Revolution träumt.
Auffällig an dem Film sind die visuellen und ästhetischen Entscheidungen. Wie sind Sie auf das Konzept gekommen?
Ich bin besessen von der Frage nach der Form im Kino, davon, wie sie unsere Sinne schärfen kann, die durch so viele stereotype Bilder abgestumpft sind. Zusammen mit Kameramann Faraz Fesharaki haben wir versucht, überraschende Lösungen für das Drehbuch zu finden, uns aber auch von dem überraschen zu lassen, was wir während der Dreharbeiten entdeckten. Daher ist der Film eine Mischung aus sorgfältig geplanten visuellen Choreografien und zufälligen Bildern, die wir gedreht haben, ohne zu wissen, wo sie im Schnitt landen würden. Ein wichtiges formales Element, das wir erforschen wollten, war die geisterhafte, sehnsüchtige Bewegung des Zooms, ein weiteres die poetische Leichtigkeit der Kamerafahrt. Wir haben auch einen Blick zurück in die Geschichte des Kinos geworfen: Die frühen Filme von Kira Muratova haben uns zum Beispiel sehr beeinflusst.
Regie-Notizen
An einem Sommertag führte mich der Zufall nach Sangerhausen. Diese kleine ostdeutsche Stadt, halb aus rechteckigen Häuserblocks, halb aus mittelalterlichen Gassenlabyrinthen bestehend, liegt zwischen einem riesigen Rosengarten und einer bergähnlichen Halde, die wie eine ägyptische Pyramide über der Landschaft thront. Man könnte fast meinen, dieses Relikt der sozialistischen Bergbauindustrie sei der romantischen Fantasie des Dichters Novalis entsprungen, der in einem nahgelegenen Dorf geboren wurde und selbst im Bergbau arbeitete. Er ist vor allem für das Bild der „blauen Blume“ bekannt, mit dem er die vage Sehnsucht nach dem schwer fassbaren Etwas ausdrückte, das wir manchmal in Träumereien oder vorbeiziehenden Wolken erahnen, aber nie ganz greifen können – den Ruf eines anderen Lebens.
Die Protagonist*innen meines Films sind jedoch keine romantischen Dichter, sondern prekär Beschäftigte und Migrant*innen.
Für sie wird die Frage der Sehnsucht zu einer zutiefst politischen, da denen, die mit dem Überleben beschäftigt sind, sogar das Recht verwehrt wird, nach dem Sinn des Lebens zu fragen: Zuerst muss die Miete bezahlt, die Aufenthaltsgenehmigung verlängert werden. Und doch suchen sie nach der blauen Blume – auch wenn sie manchmal an zweifelhaften Orten danach suchen... Vielleicht ist es schon etwas, wenn ein paar einsame Seelen eine unwahrscheinliche Gemeinschaft bilden, und sei es nur für einen Nachmittag? Vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Klimas, das bedrohlich nach rechts kippt, bringt SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN Menschen zusammen, die in der öffentlichen Debatte oft gegeneinander ausgespielt werden. Es ist ein Film über die Alchemie der Begegnung.
Genauer gesagt kontrastiert der Film zwei Begegnungen: Die erste (die romantische Liebesbeziehung zwischen der proletarischen Kellnerin Ursula und der bürgerlichen Geigerin Zulima) scheitert dramatisch, während die zweite (die seltsame Freundschaft zwischen Ursula, der iranischen Möchtegern-Influencerin Neda und dem koreanischen Reiseleiter Sung-Nam) komisch gelingt. Dies spiegelt meine Überzeugung wider, dass die tiefere Kluft zwischen den Menschen nicht horizontal zwischen Nationen und Kulturen verläuft, sondern vertikal zwischen sozialen Klassen. Am Ende verbinden sich die Figuren sogar mit den Geistern der Vergangenheit, als sie herausfinden, dass ihre gemeinsamen Träume eigentlich sehr alt sind... Sowohl inhaltlich als auch formal vertraue ich auf den freudigen Widerstand des Kinos.