Die Frau, die rannte (도망친 여자)

Während ihr Mann auf einer Geschäftsreise ist, trifft Gamhee in den Vororten von Seoul drei Frauen. Zunächst besucht sie nacheinander zwei enge Freundinnen, der dritten begegnet sie zufällig im Kino. Auf den ersten Blick erscheint der Minimalismus von Regiemeister Hong Sangsoo in dessen 24. Film noch ausgeprägter als früher. Lange Einstellungen und ein dialog- und zoomlastiger Stil reduzieren alles auf die Essenz. Gezeigt werden drei Treffen mit leichten Wiederholungen und Variationen. Doch die luftige Struktur des Films wird von unerwünschten Interventionen seitens cholerischer Männer unterbrochen, und von Gamhees Seite schwingt in den Gesprächen mit ihren Freundinnen viel Ungesagtes mit. Auch der Titel bleibt mysteriös: Wer genau ist die Frau, die rannte? Wovor rennt sie weg und warum? Hong ist als Künstler weiter gereift, und es ist an der Zeit, ihn nicht länger mit Eric Rohmer oder Woody Allen zu vergleichen, eher mit Anton Tschechow. Sein Thema ist das Menschsein. Wie es ist zu sein, zu leben, und wie sich das in unserer Kommunikation ausdrückt. Die Frau, die rannte ist ein betörendes, rätselhaftes Juwel, das einmal mehr nahelegt: Die Anzahl möglicher Welten ist endlos.

Spieltermine

WIEN Filmmuseum Mo. 19.12.2022 20:30 Uhr und Mo. 09.01.2023 18 Uhr

 

Hong Sangsoo Retrospektive im Filmmuseum bis 9. Jänner 2023

Kinostart: 9. Juli 2021 u.a. im LE STUDIO Film und BühneLeoKino Innsbruck, Programmkino Wels, Moviemento Linz, KIZ Royal Kino Graz, Burg Kino (Original version with english subtitles), Film Forum Bregenz

Pressespiegel

„Kim Min-hee gibt dem Film Erdung und Seele: Mit dem fragilen Stolz, den ihre schmale Silhouette zum Ausdruck bringt. Mit ihrem Gesicht, in dem Mitgefühl wie Verwundbarkeit gleichermaßen zu Hause sind.“
Ray Filmmagazin

„In minimaltistischen Settings […] gelingt es Hong Sangsoo auch in seinem 24. Film, zwischenmenschliche Beziehungen zu beleuchten und sein wiederkehrendes großes Thema intimer Vergangenheitsbewältigungen zu bearbeiten.“ Die Furche

„Schlicht, einfühlsam […] Ein schönes Dokument jener Treffen, die im letzten Jahr so sehr gefehlt haben.“ Die Presse

„Dem Publikum eröffnen sich dabei feine Nuancen weiblicher Lebensentwürfe. […] Ein Film, der in der Variation der Wiederholung Trugbilder der Selbstbestimmung freilegt.“ Der Falter

„Die vordergründig dahinplätschernden Gespräche führen hier zur wahrhaftiger Charakterisierung und präzisen Beobachtung zwischenmenschlicher Beziehungen.“ Salzburger Nachrichten

★★★★ „Aus lakonisch-humorvoller Distanz, aber mit ehrlichem Interesse beobachtet Hong unaufdringlich die drei Gesprächszenarien, in denen Frauen ihre Lebenspositionen vis à vis einer (aufdringlichen) Männerwelt zu beschreiben suchen.“ Kurier

„So nah an der Realität, dass es fast dokumentarisch wirkt, bis zu einem kühnen Moment, in dem eine streunende Katze Anlass für einen Nachbarschaftsstreit ist und die Katze zufällig zur stimmen Zeugin des Konflikts wird. Es ist der Höhepunkt des Films, der in seinem Witz möglicherweise gar nicht planbar war. Die Anmut von Hongs Film bedeutet, de Katze zuzulassen.“ Salzburger Nachrichten

„Komisch, leichtfüßig und doch profund erzählt Hong Sangsoo in Die Frau, die rannte über Frauen, die ein individuelles Lebensmodell bevorzugen, auch von der ein oder anderen Selbsttäuschung.“ Der Standard

„Kristallklar, einleuchtend, lustig“ Libération

„Minimalistisch, mit zwerchfellerschütternder Humor“ Le Monde

„Ein bittersüßer Nachsinn über Frauen-Freundschaften“ The Guardian

„Verglichen mit On The Beach At Night Alone erscheint Die Frau, die rannte nicht nur weniger alkoholgetränkt, sondern auch kleiner, leiser, dabei umso reicher. Ein bescheidener Höhepunkt im bisherigen Berlinale-Wettbewerb.“ Tagesspiegel

„Die Filme des Südkoreaners Hong Sangsoo lassen den Betrachter im wahrsten Sinne des Wortes in Ruhe. Seine Bilder wirken so unaufgeregt, dass man sich in ihnen einrichten kann. Wenn die Heldin sich in einer der ersten Szenen von Die Frau, die rannte auf dem Sofa lümmelt und den Hosenknopf öffnet, tut man im Geiste dasselbe.“ Katja Nicodemus, Die Zeit

„Fast schon diaphan, der neue Hong. Die Frau, die rannte könnte auch «Männer, die vor der Tür stehen müssen» heißen. Mit dem schwerelosen Pinselstrich des Altmeisters tupft Hong die Satz- und Motivwiederholungen in sein Frauen-Konversations-Triptychon.“ Ekkerhard Knörer, Cargo

„In dieser Beschränkung und Verknappung der Mittel, offenbart sich eine Weltsicht und Perspektiven in das Leben der Figuren hinein, die voller kostbarer Momente und feiner Beobachtungen stecken.“ Joachim Kurz, Kino-Zeit

„auserlesene Finesse eines Hong Sangsoos, der koreanischer Rohmer“  Mouvement

„A film about everyday interactions lives and dies based on how well these are captured. In this case, Hong does so exquisitely.“ Sophie Monks Kaufman, Little White Lies

„A sprightly, straight-up triple-slice of Hong Sangsoo life, this time centered, with gently rueful curiosity, on interactions between women.Jessica Kiang, Variety

Und auch, über Hong Sangsoo, von Patrick Holzapfel: „Surrealismus und Soju“ Jugend ohne Film

Biografie

Hong Sangsoo ( 홍상수) debütierte 1996 mit seinem erstaunlichen Spielfilm THE DAY A PIG FELL INTO THE WELL. Seitdem sind 28 Filme entstanden, für die Hong das Drehbuch schrieb und Regie führte. Sie alle zeichnet eine komplexe und strenge Architektur unter einer scheinbar einfachen Oberfläche aus, die durch wie zufällig wirkende Interaktionen der Figuren entsteht. Bekannt für seine einzigartige Bildsprache und seine beispiellose Filmästhetik – zählt Hong Sangsoo zu den etabliertesten Autorenfilmern des zeitgenössischen koreanischen Kinos.

FILMOGRAFIE (Auswahl)
20222 Walk Up
2022 소설가의 영화 Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall
2021 당신 얼굴 앞에서 (In Front of You Face)
2021 인트로덕션, (Introduction)
2019 도망친 여자 (Die Frau, die rannte)
2019 강변 호텔 (Hotel by the River)
2018 풀잎들 (Grass)
2017 그 후 (The Day After)
2017 클레어의 카메라 (Claire’s Camera)
2017 밤의 해변에서 혼자 (On the Beach at Night Alone)
2016 당신자신과 당신의 것 (Yourself and Yours)
2015 지금은맞고그때는틀리다 (Right Now, Wrong Then)
2014 자유의 언덕 (Hill of Freedom)
2013 우리 선희 (Our Sunhi)
2013 누구의 딸도 아닌 해원 (Nobody’s Daughter Haewon)
2012 다른 나라에서 (In Another Country)
2011 북촌방향 (The Day He Arrives)
2010 옥희의 영화 (Oki’s Movie)
2010 하하하 (Hahaha)
2009 잘 알지도 못하면서 (Like You Know It All)
2008 밤과 낮 (Night and Day)
2006 해변의 여인 (Woman on the Beach)
2005 극장전 (A Tale of Cinema)
2004 여자는 남자의 미래다 (Woman Is the Future of Man)
2002 생활의 발견 (Turning Gate)
2000 오! 수정 (Virgin Stripped Bare by Her Bachelors)
1998 강원도의 힘 (The Power of Kangwon Province)
1996 돼지가 우물에 빠진 날 (The Day a Pig Fell Into the Well)

Festivals & Preise

Viennale’20
Berlinale 2020: Silberner Bär für die beste Regie

Material

Filmplakat

Fotos (25 Mb), Plakat
Trailer vimeo, youtube, DCP

Buch über HSS

Ende Oktober 2022 erscheint erstmals eine Buchpublikation zu Hong Sangsoo in deutscher Sprache: "Hong Sangsoo. Das lächerliche Ernste" von Sulgi Lie bei der Edition Le Studio.

 

Sulgi Lie ist Filmwissenschaftler und Theoretiker. Er ist Gastprofessor am Institut für Kunstwissenschaft und Ästhetik an der Universität der Künste Berlin. Er ist Autor von „Gehend Kommen. Adornos Slapstick: Charlie Chaplin & The Marx Brothers“ (Berlin 2022) und „Towards a Political Aesthetics of Cinema: The Outside of Film“ (Amsterdam 2020). Momentan arbeitet er an einer Studie zum Verhältnis von Technik und Körper in der Filmkomödie.

ISBN 978-3-9505312-0-6
80 Seiten
Erste Auflage 30. Oktober 2022
Erhältlich u.a. im Satyr Buchhandlung (Metro Kinokulturhaus), Österreichisches Filmmuseum und weitere
Buchhandlungen in Wien: Orlando, Hartlieb 1090, Oechsli Buch&Papier, phil, Walter König Buchhandlung im Museumsquartier
Preis: € 15,00
Bestellungen: kontakt@lestudio.at

HSS Retrospektive

Hong Sang-soo Frühe Werke
Österreichische Filmmuseum
2. bis 30. November 2022

 
Die außergewöhnliche Produktivität des südkoreanischen Regisseurs Hong Sang-soo manifestiert sich in 28 Filmen und drei Kurzfilmen in 26 Jahren: eine Welt, in die man bei unserer zweiteiligen Retrospektive eintauchen kann. Jeder der Filme ist dabei wie ein Baustein von einem Gebäude, in dem man sich in einem Taumel aus Differenzen und Wiederholungen (und Reduktionen) alsbald wieder verliert.
 
1960 als Sohn einer Filmproduzentin geboren, studierte Hong Film in Seoul und den USA. Auf dem Rückweg nach Südkorea widmete er sich einer regelrechten Filmorgie in der Pariser Cinémathèque und drehte nach einigen Regiearbeiten für das Fernsehen 1996 seinen ersten Kinospielfilm. Sein Stil ist absolut unverwechselbar, seine Filmsprache folgt ihrer eigenen Grammatik: eine Geschichte, die sich ausgehend von einem Ereignis, über das wenig bis gar nichts bekannt ist, entfaltet; eine Betonung der weiblichen Perspektive sowie der Unzulänglichkeit, Feigheit und/oder Grausamkeit der Männer; Besäufnisse, die Wahrheiten enthüllen; statische Einstellungen von sprechenden Menschen; langsame Zooms auf die Figuren in Schlüsselmomenten von langen Plansequenzen, und sehr oft eine Zäsur, mit der eine Spiegelung/Variation der Geschichte einsetzt.
 

Nach ein paar experimentellen Versuchen entschied sich Hong unter dem Einfluss von Robert Bressons Journal d'un curé de campagne (Tagebuch eines Landpfarrers, 1950) für das Erzählkino. Jahrelang trägt er Bressons Buchs Notizen zum Kinematographen als Vademecum bei sich, in dem man eine Art Manifest für Hongs Filme lesen mag: "Ein kleines Sujet kann Vorwand sein für vielfältige und tiefe Kombinationen. Meide die zu weiten oder zu entfernten Sujets, wo nichts dich warnt, wenn du dich verirrst. Oder aber nimm davon nur, was in dein Leben vermengt sein könnte und aus deiner Erfahrung kommt." Denn sowohl Hongs Protagonist*innen (Regisseure, Schriftsteller*innen, Schauspieler*innen, Uni-Professoren, Filmstudent*innen) als auch die Schauplätze (Seoul und andere koreanische Städte, Paris, wo er gelebt hat, Cannes und Berlin, wo er oft mit seinen Filmen bei Festivals zu Gast ist) sind ihm nah.
 
In ihrer angenehmen und fesselnden Weise wirken seine Filme absichtlich eher leichtgewichtig. Hong vermeidet Selbstgefälligkeiten und auffällige Ambition, er baut lieber filigrane Strukturen aus scheinbar beiläufigen, spielerischen und sardonischen Beobachtungen, um Banalitäten entwirft er eine Choreografie des Alltags in all seinen Unwägbarkeiten. Hongs Filme könnten auch als Studien der Idiotie gesehen werden, der Filmwissenschaftler Sulgi Lie spricht vom "lächerlichen Ernst".

Im November zeigen wir Hongs frühe Werke, die besser budgetiert und länger sind als die späteren Filme der 2010er Jahre. Sein Debüt ist die Romanverfilmung Daijiga umule pajinnal (The Day a Pig Fell Into the Well, 1996), deren düstere Charaktere noch vom Ende der Militärdiktatur geprägt sind und sich als feige, unreife und ignorante Männer erweisen. Wie seine Regiekollegin Claire Denis feststellte, sind Frauen die eigentlichen Heldinnen von Hongs Filmen. Schon im selbstverfassten Zweitling Kangwondo eui him (The Power of Kangwon Province, 1998) zeigt sich Hongs Freude am Spiel mit der Filmstruktur.

Während seines Studiums des experimentellen Films in Chicago hatte Hong eine Offenbarung durch ein Bild von Cézanne: "Wenn ich sein Gemälde sehe, brauche ich nichts anderes mehr". Bei Eric Rohmer findet er diese Geste Cézannes wieder: Objekte einer konkreten Situation (ein Berg, ein Baum oder eine Karaffe) verwendet er als Rohmaterial, um zur Abstraktion zu gelangen. Cézanne zeichnet die Linien zwischen einer konkreten Umgebung und einer abstrakten Konstruktion. Während Cézanne hier aufhört, wäre Picasso weitergegangen – und just diese Zwischenwelt interessiert auch Hong, der sagt: "In Kangwondo eui him und Oh! Soo-jung (The Virgin Stripped Bare by Her Bachelor, 2000) ist das Verhältnis von Konkretem und Abstraktion wasserdicht; man muss diese Filme auf zwei Ebenen sehen. Mit Saenghwalui balgyeon (On the Occasion of Remembering the Turning Gate, 2002) und Yeojaneun namjaui miraeda (Woman Is the Future of Man, 2004) habe ich diese sehr künstliche Konstruktion aufgegeben und versucht, in der Mitte zu sein."

Mit Keuk jang jeon (Tale of Cinema, 2005) wird ein neuer Zyklus eingeleitet, auch gründet Hong Sang-soo bei dieser Gelegenheit seine Produktionsfirma, Jeonwonsa. Mit Hilfe eines Films-im-Film erweitert er die formalen Möglichkeiten, fügt eine Stimme aus dem Off hinzu und führt das ein, was zu seinem Markenzeichen wird: den Zoom. Anschließend legt der von Jean Renoirs The Woman on the Beach (1947) übernommene Titel Hawbyuneui yoein (Woman on the Beach, 2006) nahe, dass Hong den von ihm verehrten Filmemachern (Bresson, Rohmer, Ozu, Buñuel, Renoir, John Ford), treu bleibt, aber der Film etabliert vor allem einen komödiantischen Impetus in seinem Werk: von Männern in einer Fantasiewelt und Frauen, die ihrer Bildwerdung zu entkommen versuchen. Ban gua nat (Night and Day, 2008) schließlich ist Hongs erster im Ausland gedrehter Film: Ein junger Maler flieht nach Paris und findet sich am Ende in einer koreanischen Gemeinschaft wieder. Jal aljido mothamyeonseo (Like You Know It All, 2009) wiederum hebt das Vertrauen von Hongs Kino in die Zuschauer*innen hervor: Seine Filme bauen ein Universum auf, in dem das Publikum besonders willkommen ist, weil ihm ein Platz in der Dramaturgie eingeräumt wird. (Pierre-Emmanuel Finzi)
 
In Kooperation mit der Botschaft der Republik Korea in Wien
 
Teil 2 dieser Retrospektive, der sich den jüngeren Arbeiten von Hong Sang-soo widmet, zeigen der Filmmuseum kommenden Dezember und Jänner.