Sigmund Freud. Jude ohne Gott

Ein Film von David Teboul

Diagonale’20 – Die Unvollendete

Wer war Sigmund Freud? Der französische Regisseur David Teboul, der bereits Yves Saint Laurent porträtiert hat, erarbeitet in SIGMUND FREUD. JUDE OHNE GOTT ein erratisches Bild, bestehend aus Schriften und Erinnerungen Sigmund Freuds, seiner Tochter Anna sowie berühmter Gefährt/innen. Visuell ausschließlich auf Archivmaterial fußend und von bekannten Stimmen (Minichmayr, Rohrer) eingesprochen, ist SIGMUND FREUD. JUDE OHNE GOTT eine Reise zum Anbeginn einer neuen Zeit.

Yves Saint Laurent und Sigmund Freud ist nicht nur gemein, dass der Franzose David Teboul sie in seinen Filmen porträtiert hat – beide neigten offenbar auch dazu, einer Hunderasse treu zu bleiben. Als Teboul Laurent über drei Monate hindurch in seinem Atelier filmte, begegnete ihm dort die französische Bulldogge Moujik, die dritte ihrer Art. Freud fühlte sich indes stärker zu Chow-Chows hingezogen, die ihn an kleine Löwen erinnerten. In SIGMUND FREUD. JUDE OHNE GOTT heißen sie Jofie und Lün, und Freud hatte sie erst sehr spät für sich entdeckt, als sich sein Leben bereits dem Ende zuneigte. In den letzten, farbigen Minuten des Films läuft einer von ihnen über grünen englischen Rasen. Der Rasen wuchs in London; die Stadt war das Exil, in das der Vater der Psychoanalyse 1938 gemeinsam mit Tochter Anna emigrierte. Vier seiner fünf Schwestern blieben in Wien zurück und wurden in den Folgejahren von den Nationalsozialisten ermordet. Die jüdische Identität Freuds spielt in David Tebouls Film, der vom Material her vorwiegend Archivarbeit ist, eine fast so zentrale Rolle wie die Psychoanalyse selbst; beide waren eng miteinander verknüpft. Angefangen bei Erinnerungen an die Kindheit in der Wiener Leopoldstadt, in welche die Familie im Jahr 1860 gezogen war, „ein Ghetto ohne Mauern“, bis hin zu Freuds Sympathien für den Zionismus, von dem er sich später abwandte.
Bedeutung kam außerdem einer vom Rabbiner Ludwig Philippson kommentierten Bibel zu, die Freud als Kind las. Die Illustrationen darin waren es, die ihn in seinen Träumen heimsuchten, etwa in einem fürchterlichen, der den Tod seiner Mutter zum Inhalt hatte. Ohnehin sind Gedächtnis und Schriften von Symbolen durchwandert: Vom Bahnhof in Breslau ist die Rede, den Freud im Alter von drei Jahren passiert hatte und von dem ihm noch immer „die Gasflammen“ gegenwärtig waren, die ihn an „brennende Geister in der Hölle“ gemahnten. David Tebouls Film ist eine chronologische, dennoch lose Reihung derartiger Eindrücke – nicht nur von Freud, sondern auch von seiner Tochter Anna (in der deutschen Fassung gesprochen von Birgit Minichmayr) sowie von Marie Bonaparte (Catherine Deneuve), Lou Andreas-Salomé und Carl Gustav Jung (Roland Koch). SIGMUND FREUD. JUDE OHNE GOTT handelt von zerbrochenen Männerfreundschaften und von Frauen, die um Freud schwirrten. Von Zigarren und von Bergwanderungen, von berühmten Patient/innen und vom Aufbruch in ein neues geistiges Zeitalter.
(Katalogtext, cw – diagonale)

Kinostart: Herbst 2020

FR/AT-2020, 97 Min. Deutsche Originalfassung
Regie David Teboul | Buch David Teboul und François Prodromidès | Kamera Martin Roux und Richard Copans | Schnitt Caroline Detournay | Originalton Béatrice Wick | Sounddesign Stéphane Thiébaut | Musik Mathieu Lamboley | Deutsche Synchronregie Eberhard Petschinka | Sprecher/innen Birgit Minichmayr, Markus Mayer, Catherine Deneuve, Roland Koch, Sylvie Rohrer | Produzent/innen Richard Copans, Anne Cohen-Solal, Ebba Sinzinger und Vincent Lucassen | Produktion Les Films d’ici (FR) Arte France (FR) WILDart Film mit der Unterstützung von BKA – Kunst und Kultur, Land Niederösterreich, Nationalfonds der Republik Österreich für des Opfer des Nationalsozialismus, Zukunftsfonds der Republik Österreich, The Creative Europe Programm MEDIA of the European Union

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